Als in den letzten Jahrzehnten Anfragen an die deutsche Wirtschaft gerichtet wurden, komplette Fabrikanlagen zu liefern, wurden lebhafte Bedenken laut, an der Errichtung von Industrien im Auslande mitzuarbeiten, in denen deutsche Verfahren und Produktionserfahrungen angewandt werden sollten. Es wurde, geltend gemacht, daß wir uns dadurch den Markt für unsere Fertigwaren, insbesondere auf dem Gebiet der Eisen-, Maschinen- und chemischen Industrie, selbst verdürben und daß dadurch der Absatz deutscher Fertigware immer mehr erschwert würde. Gegen diese Bedenken wurde eingewandt, daß die Entwicklung zu eigenen Industrien in der Welt nicht aufzuhalten sei. Amerika, England, Frankreich und Italien wetteiferten darin, an die verschiedenen Staaten der Welt vollständige Industrieanlagen zu liefern. Wenn die deutsche Wirtschaft dieser Entwicklung nicht gefolgt wäre, so würde sie das Feld der Konkurrenz überlassen haben. Es entstanden daher auch in Dortmund nach dem ersten Weltkriege Firmen, die die Lieferung vollständiger Fabrikanlagen in die Welt übernahmen und die sich inzwischen durch ihre großen Industriebauten einen Namen in der Welt geschaffen haben. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, daß der beschrittene Weg richtig war.

In vielen Fällen wird der Ausbau einer Produktionsstufe Veranlassung zum Bau weiterer Produktionsstufen geben, und soweit die zuerst gelieferten Fabriken einwandfrei gearbeitet haben, fallen die Aufträge für die Erweiterungsanlagen vielfach an die Lieferanten der ersten-Fabriken. Es geht also darum, zur rechten Zeit in den aufbaufreudigen Ländern Fuß zu fassen. Nicht unbedeutend ist auch das Ersatzteil-Geschäft, das als regelmäßiges, laufendes Geschäft eine angenehme Folge guter Lieferungen zu sein pflegt.

Das „Anlagengeschäft“, wie die Lieferung kompletter Fabrikanlagen allgemein bezeichnet wird, erfordert weitschauende Planungen und kostspielige Vorleistungen. Oft dauert es viele Jahre, bis ein Projekt zum Bau einer Fabrikanlage, insbesondere im Ausland, durchgeführt wird. Dadurch bildet es einen gewissen Rückhalt für die Maschinen- und Apparatebau-Industrie und die diesen vorgeschalteten Grundindustrien. In den schweren Jahren nach 1929 war eine Anzahl großer Anlagengeschäfte, insbesondere nach dem Nahen und Fernen Osten, eine fühlbare Stütze für die schlecht beschäftigte Maschinen- und Apparatebau-Industrie. Auch nach 1945 haben die ersten Anlagengeschäfte einen wertvollen Beitrag für die Ankurbelung der Grundindustrien gebracht. Verhältnismäßig kurze Zeit nach Beendigung des Krieges setzte sich ein großer Teil der Firmen, die vor dem Kriege Anlagen aus Deutschland bezogen hatten, wieder mit ihren deutschen Lieferanten in Verbindung, um über Lieferungen von Reserveteilen und die Ergänzung bestehender Anlagen zu verhandeln.

Durch die geschilderte Entwicklung sind manche Bedenken gegen Lieferungen kompletter Anlagen ins Ausland fortgefallen; im übrigen hat das Ausland die deutschen Verfahren aus den BIOS-Berichten bis ins einzelne kennenlernen können, und es kann die Verfahren kostenlos benutzen, seitdem der Patentschutz für vor Kriegsende entwickelte Verfahren fortgefallenist. Vielfach haben aber gerade die BIOS – Berichte als Reklame für den deutschen Industriebau gewirkt. Da sie allein nicht ausreichten, um ohne erfahrene Hilfe entsprechende Anlagen bauen und betreiben zu können, gaben sie vielfach die Veranlassung, um Anfragen für den Bau entsprechender Fabriken an die deutsche Wirtschaft zu richten.

Wichtig für die Beurteilung des Anlagengeschäftes ist die Frage, welche Exporterlöse erzielt werden. Wenn komplette Anlagen exportiert werden, so enthält der Exportpreis über den normalen Kilogramm-Preis für Eisen und Stahl hinaus einen beträchtlichen Prozentsatz für die Ingenieurarbeiten sowie für die Verfahren und Erfahrungen, die in einem solchen Projekt stecken, so daß größtes Interesse für diese Geschäfte besteht. Da jedoch ähnliche Gesichtspunkte für die französische, englische, italienische und teilweise auch für die amerikanische Industrie maßgebend sind, ist seit 1950 die Konkurrenz im internationalen Anlagengeschäft immer größer geworden. Jedes Land versucht, seine Erzeugnisse in möglichst verfeinerter Form auf den Weltmarkt zu bringen und sich durch Lieferung von Industrieanlagen ins Ausland ein langfristiges Geschäft zu sichern.

Wenn wir in dem langfristigen Anlagengeschäft bleiben wollen, dann sind wir also gezwungen, nach Wegen zu suchen, dem ausländischen Abnehmer günstige Zahlungsbedingungen zu bieten. Die bisher vom Bund gewährten Garantien der Hermes-Kreditversicherung A.G. reichen nicht aus, die bisher von der Kreditanstalt für Wiederaufbau zur Verfügung gestellten Mittel sind erschöpft, und sie sollen, um inflationistische Tendenzen nicht aufkommen zu lassen, von der Bank deutscher Länder nicht aufgefüllt werden. Für die deutschen Banken ergibt sich nun die wichtige Aufgabe, einzuspringen und durch den Aufbau einer besonderen Organisation unter Verwendung vorhandener Mittel das Kapital zur Durchführung langfristiger Anlagengeschäfte verfügbar zu machen. Es ist zudem anzustreben, daß bei großen Objekten sich diejenigen Firmen, die an Unterlieferungen interessiert sind, zusammentun, um konsortial die Grundlage für die Finanzierung in Gemeinschaft und enger Zusammenarbeit mit den Banken zu schaffen.

Bei dem lebhaften Interesse, das zur Zeit z. B. in Afrika, Südamerika, dem Mittlerer Orient, Australien, Indien und Pakistan für den Ausbau großer Industrien vorliegt, bestehen die besten Möglichkeiten, durch sorgfältige Auswahl aus den zahlreich vorliegenden Projekten diejenigen auszusuchen, die wirtschaftlich gesund sind. Sie sind geeignet, wesentlich zur Stabilität des Exportes beizutragen, befriedigende Preise zu erzielen und für die Zukunft einen regelmäßigen Markt für unsere Maschinen- und Apparatebau-Industrie und damit für unsere Grundstoffindustrien zu schaffen. Mit Befriedigung kann festgestellt werden, daß allen ursprünglichen Bedenken zum Trotz gerade auf diesem Arbeitsgebiet im Dortmunder Bezirk wertvolle Arbeit geleistet worden ist und weiter geleistet wird, die ihre Früchte tragen wird. Dr. Gerstein