Die Ankündigung eines neuen Heilmittels für Tuberkulose, die in der vergangenen Woche vom Commissioner für die Krankenhäuser der Stadt New York und von zwei pharmazeutischen Fabriken gemacht wurde, hat in den USA große. Aufregung hervorgerufen. Patienten schrieben ihren Ärzten, daß sie sich nunmehr den bereits angesetzten Operationen nicht mehr unterziehen wollten, und auch sonst droht die Krankenpflege, selbst bei den schwersten Fällen, in Unordnung zu geraten, weil die Kranken, von neuer Hoffnung erfüllt, die Anordnungen der Ärzte nicht mehr recht ernst nehmen wollen. Die New Yorker medizinische Akademie hat daher eiligst eine Tagung einberufen und dabei eine Warnung an die Tuberkulosekranken ausgesprochen –: das neue Heilmittel sei noch nicht genügend erprobt und es werde außerdem Operationen nicht überflüssig machen. „Vom chirurgischen Standpunkt aus“, sagte der bekannte Lungenchirurg Dr. Maxwell Chamberlain, „ist Lungentuberkulose dasselbe wie ein Lungenabzeß, nur daß dieser Abzeß von Tuberkeln hervorgerufen ist, während andere Lungenabzesse von anderen Bakterien hervorgerufen sind. Wenn jetzt die neuen Heilmittel unsere Erwartungen erfüllen und die Tuberkeln vernichten, dann wird der Patient nicht länger Tuberkulose haben, aber es wird ihm ein Lungenabszeß bleiben, dessen Behandlung oft eine chirurgische wird sein müssen“. Es wurde auch mitgeteilt, daß die Versuche nicht abgeschlossen seien.

Es handelt sich um drei Präparate, die von den zwei Herstellerfabriken „Rimifon“, „Marsalid“ und „Nydrazid“ genannt werden. Rimifon und Nydrazid sind nach den amerikanischen Berichten chemische Hydrazide der Isonicotinsäure mit ähnlicher Zusammensetzung wie das Niacin, ein Vitamin B-Präparat. Marsalid ist eine Weiterentwicklung des Rimifons. Solche Nydrazide sind bereits 1912 von zwei Wiener Chemikern in den „Monatsheften der Chemie“ genau beschrieben worden, ohne daß die Autoren von der Fähigkeit, Tuberkeln zu töten, etwas ahnten. Die jetzt erfolgreich gewordenen amerikanischen Forschungen beruhen jedoch auf einem deutschen Präparat, das den Namen „Tibion“ führt und bereits vor Jahren mit Erfolg gegen Tuberkulose erprobt wurde, sich aber als toxisch erwiesen, das heißt: zu viele schädliche Nebenwirkungen hatte. Seither wurde versucht, Präparate ähnlicher Zusammensetzung mit gleichen Wirkungen auf die Tuberkeln, aber ohne die toxischen Nebenwirkungen zu produzieren. Schließlich erwiesen sich Rimifon und Nydrazid in amerikanischen Laboratorien als brauchbar und ungiftig. Nach Veröffentlichungen, die vor einigen Tagen gemacht wurden, scheinen die deutschen Laboratorien, die sich mit derselben Aufgabe befaßten, ebenfalls bereits vor einiger Zeit zu einer Lösung gelangt zu sein.

Nach Fertigstellung der Drogen ergab der Tierversuch an Mäusen, daß eine sonst tödliche Tuberkelinfektion bei Behandlung mit Rimifon, Nydrazid und ähnlichen Präparaten ohne Wirkung blieb. Dasselbe Resultat trat bei Meerschweinchen und bei den für Tuberkulose besonders empfindlichen Affen ein. Hierauf ging man im Sea View Hospital in New York zur klinischen Erprobung über. Bis zum Januar wurden 135 Fälle behandelt, von denen einige zur Erprobung nicht geeignet waren, so daß sich die Erfolgsstatistik schließlich auf 92 beschränkte. Diese 92 Fälle galten als hoffnungslos insofern, als auch die Behandlung mit Streptomyzin sich als unwirksam erwiesen hatte.

Nach Anwendung der neuen Mittel wurden die Temperaturen der fiebrigen Patienten meist nach einer Woche normal, die Patienten fühlten sich wohl, die Apathie verschwand. Da der Appetit zunahm, kam es zu Gewichtserhöhungen; die Patienten begannen, auch zwischen den Mahlzeiten zu essen; Gewichtszunahmen von drei bis fünf Pfund, in einem Falle von zehn Pfund, in der Woche wurden festgestellt. Die Bettlägerigen standen auf; es gab in der Tat in Sea View keine „Bettfälle“ mehr. Aber die Röntgenbilder zeigen noch offene Cavernen. „Die todkranken Patienten, die wir studierten, haben durch diese Mittel eine Erleichterung erhalten, die weit über alles hinausgeht, was wir bei der Anwendung von Medikamenten je gesehen haben“, sagte einer der behandelnden Ärzte. Bedeutsame Ergebnisse sind auch bei tuberkulöser Meningitis, bei Kehlkopf-, Mittelohr- und Knochentuberkulose erzielt worden. Ein amerikanischer Bericht schließt mit den Worten: Wenn die neuen Mittel die jetzt gehegten Erwartungen erfüllen, dann wird die Tuberkulose, an der in der Welt jährlich Millionen Menschen sterben, ausgerottet werden oder doch unter Kontrolle kommen.

Die neuen Drogen sind nicht allzu teuer im Vergleich mit den Kosten der bisherigen Behandlung. Eine amerikanische Zeitung meinte, daß die Wiederherstellung eines Kranken auf 100 Dollar (420 DM) kommen werde. W. F.