Im folgenden veröffentlichen wir noch einmal zwei Zuschriften, die sich mit der Frage der Baupreise befassen. Sie setzen, ebenso wie der Leserbrief auf Seite 20 dieser Ausgabe, die Diskussion fort, die durch den Aufsatz „Bauen könnte billiger sein, wenn ...“ in Nr. 49/1951 und „Sind die Baupreise wirklich überhöht?“ sowie „Ringbildung erläutert“, beide in Nr. 3/1952, entstanden ist. Beide Stimmen kommen: aus der Bauindustrie und geben die wichtigsten Argumente zahlreicher Zuschriften wieder. Wir schließen die Diskussion damit ab.

Die bisherigen Artikel über die „erhöhten Baupreise“ bedürfen einer Ergänzung. Mit „öffentlichen Ausschreibungen“ sind so schlechte Erfahrungen gemacht worden, daß die Behörden inzwischen „hellhörig“ und durch Schaden klug geworden sind. Die von nicht sachverständiger Seite gepriesenen Ausschreibungen sind in der Praxis allzu häufig unbrauchbar. Erteilt der Auftraggeber dem niedrigsten Anbieter den Zuschlag, so ist im allgemeinen der Preis nicht auskömmlich und eine nicht leistungsfähige Firma erhält den Auftrag; diese kann zu dem angebotenen Preis keine einwandfreie Arbeit leisten, sie stellt unberechtigte Nachforderungen, verwendet schlechte Baustoffe, wenn nicht sogar Zahlungseinstellungen die Folge sind. Nimmt der Auftraggeber nicht den billigsten Bieter, so entstehen ihm Schwierigkeiten mit seinen Finanzausschüssen; diese wollen grundsätzlich das niedrigste Angebot berücksichtigen, ohne Verständnis dafür, daß der für die Bauausführung Verantwortliche einer leistungsfähigen Fachfirma mit einem auskömmlichen Preis den Zuschlag erteilen will. Im letzten Fall ist die Wahl der ausführenden Firma bei mehreren gleichwertigen Firmen nicht einfach. Hierdurch entstehen weitere unliebsame Schwierigkeiten. – Der einfachste Weg ist und bleibt daher die seit langem bewährte „beschränkte Ausschreibung“, zu der geeignete und leistungsfähige Firmen herangezogen werden. Für jede Ausschreibung stehen am Ort und auswärts zahlreiche Firmen zur Wahl, so daß eine weitgehende Streuung der Angebote stets möglich ist.

Auch volkswirtschaftlich gesehen sind offene liche Ausschreibungen nicht zu vertreten. Es macht sich kein Außenstehender ein Bild von den Kosten eines Objektes, die durch Kalkulation, örtliche Besichtigung mit den dazu nötigen Reisen und unter anderem Projektbearbeitung entstehen. Zwei Beispiele dürften Aufklärung geben: Bei der Ausschreibung einer Brücke, die zu 600 000 DM vergeben wurde, ermittelte ein Ingenieurbüro die Kalkulationskosten der anbietenden Firmen mit etwa 30 000 DM, bei einem anderen Objekt von 1,3 Mill. DM mit 60 000 DM, das heißt in beiden Fällen mit etwa 5 v. H. Es gingen also in den angegebenen Beispielen gegenüber beschränkten Ausschreibungen Werte von 25 000 und 50 000 DM der Volkswirtschaft durch unnütze Aufstellung von Kalkulationen verloren. Weil es sich um schwierige Ausführungen handelte, wurden im übrigen nicht die billigsten Firmen, sondern solche mit angemessenem Preisangebot beauftragt. Bei 80 v. H. der Firmen sind somit nur unnötige Kosten entstanden. Hätten die Baufirmen nicht besser für diese Summen neues Gerät gekauft und damit in Zukunft billiger gearbeitet?

Auch erweckt der Artikel über die „Ringbildung“ den falschen Eindruck, daß die Auftraggeber ohne Sachkenntnis jede Angebotssumme anerkennen. Die Behörden und auch die Architekten ermitteln durch Kalkulation und Vergleichsmöglichkeiten bereits vor Angebotsabgabe den Angebotspreis. Werden durch eine Ringbildung überhöhte Preise gefordert, so wird die Ausschreibung aufgehoben. Um eine Prüfung vorzunehmen, gibt es genügend Sachverständige; im übrigen ist es den Auftraggebern möglich, an Kalkulationskursen teilzunehmen, die von der Wirtschaftsvereinigung Bauindustrie veranstaltet werden. Die beschränkte Ausschreibung dürfte somit als bewährtes Verfahren das kleinere Übel sein. Die zur Diskussion stehenden Schwierigkeiten sind in dem Augenblick behoben, wo nur der Bieter den Zuschlag erhält, der entsprechend der Verdingungsordnung für Bauleistungen (VOB) einen sorgfältig ermittelten auskömmlichen Preis seiner Kalkulation zugrunde legt. Es müßte üblich werden, daß Bauaufträge nur an Bieter erteilt werden, die nicht unter Preis anbieten und dadurch auch ententsprechend gute Arbeit leisten können. Das billigste Angebot dürfte nur unter diesem Gesichtspunkt berücksichtigt werden. Der Begriff „Deutsche Wertarbeit“ ist mit Angeboten, die unter den Gestehungskosten liegen, nicht zu verwirklichen. Korruptionserscheinungen sind zudem überall, möglich, auch bei öffentlichen Ausschreibungen.

Im übrigen hatte die Bauwirtschaft anormal hohe Verluste im Kriege, vor allem an Geräten, erlitten. Sie ist ohne Reserven in die DM-Zeit gegangen und hatte gerade in den letzten Jahren (wegen mangelnder Ausnutzung ihrer Kapazität) schwer zu kämpfen. Sie darf aber trotzdem in ihrem guten Firmenbestand nicht untergehen. Auskömmliche Preise sind daher die Lebensbedingung für einen Wirtschaftszweig, der als „Schlüsselindustrie“ gilt, die Bauwirtschaft muß endlich einmal Kapital ansammeln und ihren veralteten Gerätebestand erneuern. Wenn alle Auftraggeber auf dem durch den Hauptgeschäftsführer der deutschen Bauindustrie gezeigten Weg mithelfen, Hasardeure und sonstige ungeeignete Bieter, die die fachlichen und gerätemäßigen Voraussetzungen für die Ausführung eines Bauvorhabens nicht besitzen und unter Gestehungskosten anbieten, auszuschalten, dann dürfte der Weg für eine Gesundung der Bauwirtschaft frei sein, und Auswüchse jeder Art verschwinden von selbst. In Fachkreisen wird es keinen Zweifel über die Richtigkeit der vorstehenden Ausführungen geben.

Dipl.-Ing. Peter Derichs