Mit Arthur Adamovs Schauspiel "Die Invasion" ist endlich das Werk eines Dramatikers auch auf die deutsche Bühne gekommen, der in Frankreich zu den am meisten diskutierten der jüngeren Generation gehört und der mit seinem rein vom Visuellen bestimmten, von den Pitoeffs angeregten Theaterstil der Bühne eine neue Poesie des Optischen gewinnen will.

Unter jener "Invasion", von der der Stiicktitel spricht versteht Adamov das Eindringen der Umwelt in den einzelnen Menschen, seine Belastung durch die geheimnisvolle Macht der Dinge und vor allem die — wie er sagt — "zersetzende Kraft" all der Imponderabilien des Lebens. Peter, die Hauptfigur seines Dramas, erlebt diese Gefährdung seines Selbst durch dieals Auftrag empfundene Notwendigkeit, den letzten Willen seines Freundes vollstrecken zu müssen. Die Blätter eines großen Manuskriptes aber, um das es hier geht, überwuchern sein Leben, entfremden ihn seiner Frau, wecken den Widerstand der anderen und ihrer bürgerlichen Ordnung, und von dem immer mehr wachsenden Wust der Papiere wird nach und nach sein Leben zerstört. Das eigentliche Thema scheint dabei, wie Andre Gide bemerkte, "sich in den Falten des Dialogs zu verbergen und wie aus der Handlung herausgenommen zu bleiben". Bei Adamov, der sich selbst zu Büchner als seinem Lehrmeister bekennt (und übrigens kürzlich auch "Dantons Tod" ins Französische übertrug), bleibt die Sprache an der Oberfläche alltäglicher Redensarten und gewinnt ihren Sinn erst aus der Umsetzung in den sichtbaren szenischen Ausdruck. Im ganzen Stück wird nicht gesagt, um was für ein Manuskript es sich handelt, warum es so schwierig zu rekonstruieren ist, worin seine Bedeutung liegt, aber aus der poetischen Verzauberung der- Szene wird der Zuschauer doch überzeugt, daß diese Blätter für die ganze Menschheit wichtig sind und daß eine magische Kraft der Bedrohung und der Zerstörung von ihnen ausgeht.

Die Pforzheimer Inszenierung von Franz Peter Wirth schuf echte und sinnenfällige Symbole: ein geradezu lebendiges Spiel der Requisiten, wachsende Stapel Papiers, Fülle der Möbel und ihre Stellungen zueinander drückten das Widerspiel der individuellen Welten und ihre "Invasion" ineinander aus.

Eine Minderheit des Pforzheimer Abonnements Publikums dankte den Darstellern und vor allem dem anwesenden Dichter mit sehr herzlichem Beifall. Ulrich Seelmann Eggebert