Von der alten freien Reichs- und Hansestadt Dortmund, deren politisches und wirtschaftliches Ausstrahlungsgebiet im Mittelalter bis nach England und bis in die Ostseeländer reichte, gibt es heute nur noch geringe Spuren. Die letzten steinernen Zeugen dieser stolzen Vergangenheit – das älteste Rathaus Deutschlands, ein Gildenhaus und mehrere alte Kirchen – sind im Kriege teils ganz zerstört, teils schwer beschädigt worden. Die alten Dortmunder Familien, deren Namensträger wir in den vergilbten Archiven jener Länder finden, mit denen sie einen bedeutenden Fernhandel trieben, die die Kriege Eduards III. von England mit Frankreich finanzierten und an der Gründung von Memel und Dorpat maßgeblich beteiligt waren, sind seit langem ausgestorben oder fortgezogen. Auch die wirtschaftlichen Grundlagen, aus denen die mittelalterliche Stadt ihre Kraft zog, haben ihre ehemalige Bedeutung eingebüßt. Der Schnittpunkt der beiden alten Handelsstraßen, der Nord-Süd-Verbindung, von den Nordseehäfen nach Frankfurt mit dem west-östlich verlaufenden Hellweg, der Rhein und Weser verbindet, ist zwar auch heute noch das Zentrum der Stadt, aber er ist für den hohen Stand ihres gewerblichen Lebens nicht mehr entscheidend.

Das heutige Dortmund ist wirtschaftlich ganz und gar ein Produkt moderner Entwicklung. Das Wachstum der Bevölkerung von 11 216 im Jahre 1850 auf 142 733 um die Jahrhundertwende und auf 307 000 nach dem ersten Weltkrieg erinnert an die imponierend rasche Entfaltung amerikanischer Großstädte. Zwischen den beiden Kriegen hat die Stadt – in diesem Zeitraum allerdings auch durch größere Eingemeindungen – ihre Bevölkerungszahl weiter auf 538 000 erhöhen können.

Dieses überstürzte Wachstum in den letzten hundert Jahren mutet wie die Geschichte einer Stadtentwicklung in einem zukunftsvollen Kolonialgebiet an. Das ist auch im heutigen Gesicht der Stadt und seiner Bevölkerung in mancher Beziehung erkennbar geblieben. Man hat es der alten City, deren Ausdehnung ursprünglich durch Wall und Graben Grenzen gezogen waren, vor ihrer Zerstörung im Kriege förmlich angesehen, wie verzweifelt sie sich abgemüht hat, dem Ansturm der neuen Zeit Rechnung zu tragen. In den schmalen, winkligen Gassen waren vielstöckige Geschäftshäuser emporgeschossen, die den Blick nach oben beengten und in einem seltsamen Kontrast standen zu den niedrigen Bürgerhäusern, die man daneben noch fand. Nur strichweise, an einzelnen Stellen, wurde der mittelalterlich gebliebene Grundriß des Stadtkerns durch breite Geschäftsstraßen mit einheitlicher Bauweise unterbrochen. Vieles, was an diese Entwicklung erinnerte, ist dem Bombenkrieg zum Opfer gefallen, einiges aber ist erhalten geblieben, und im übrigen scheint es, als ob selbst der Wiederaufbau das Bild der Innenstadt in wesentlichen Zügen nicht verändern wird.

Die Verbindung, die die Kohle mit dem Eisen um die Mitte des vorigen Jahrhunderts einging, ist der entscheidende Umstand für den erstaunlichen Aufstieg Dortmunds gewesen. Beide Industrien, Steinkohlenbergbau und eisenschaffende Industrie, sind auch bis heute im gewerblichen Leben der Stadt vorherrschend geblieben. Es gibt hier 13 Zechenanlagen, die mit 10,3 Mill. t (1951) rund 10 v. H. der gesamten Ruhrkohlenförderung auf sich vereinigen. In den Dortmunder Bergbaubetrieben waren Ende Dezember 46 706 Personen beschäftigt. Faßt man das Gebiet weiter und legt den Bereich der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund zugrunde, zu dem die in der Nähe gelegenen, für den Bergbau sehr wichtigen Städte Castrop-Rauxel, Lünen, Unna und Hamm gehören, so verdoppeln sich die genannten bergbaulichen Zahlen. Dieses Gebiet repräsentiert 21 v. H. (1951) der Ruhrkohlenförderung.

Die Kohlenvorkommen in und um Dortmund zeichnen sich vor allem dadurch aus, daß sie reich sind an wen vollen Fettkohlen, die bei der Kokserzeugung und der Gewinnung von Kohlenwertstoffen verwendet werden. Dortmund ist daher ein Kokereischwerpunkt des Ruhrgebiets geworden. So waren im vergangenen Jahr die in der Stadt Dortmund liegenden Kokereien mit 14,4 v. H. und die Kokereien im Handelskammerbezirk mit 26 v. H. an der gesamten Kokserzeugung des Ruhrgebiets beteiligt. Die Gewinnung von Kohlenwertstoffen in den Kokereien – Gas, Rohteer, Rohbenzol und Ammoniak – ist entsprechend groß. Das anfallende Gas wird, soweit es nicht im eigenen Raum-Verwendung findet, über das Leitungsnetz der Ruhrgas AG. in entfernte Gebiete abgesetzt. Die anderen Produkte sind begehrte Grundstoffe für verschiedene chemische Fabrikationen im In- und Ausland. In Dortmund selbst und in seiner unmittelbaren Umgebung befinden sich vier Großunternehmen der Kohlechemie, die Kohle, Koks und Kohlenwertstoffe verarbeiten: drei bedeutende Synthesewerke und die größte der beiden in Westdeutschland vorhandenen Gasrußfabriken.

Die große Festigkeit des im Dortmunder Gebiet gewonnenen Kokses macht diesen für den Hochofenprozeß besonders geeignet, weswegen er von Hüttenwerken sehr begehrt ist. Seine Gewinnung ist ein beachtlicher Standortsvorteil für die drei bedeutenden Hütten, die in Dortmund beheimatet sind und deren älteste jetzt gerade 100 Jahre besteht. Diese drei Betriebe, mit denen Stahlwerke und vielseitige Weiterverarbeitung verbunden sind, beschäftigen gegenwärtig 29 100 Arbeitskräfte. Sie haben im vergangenen Jahre 2,1 Mill. t Roheisen, 3,0 Mill. t Rohstahl und 1,4 Mill. t Walzwerkserzeugnisse hergestellt; das sind bei Roheisen 26,8 v. H., bei Rohstahl 30,7 v. H. und bei der Walzwerkserzeugung 26 v. H. der gesamten Ruhrgebietsleistung. In Dortmund konzentriert sich die Eisen- und Stahlindustrie der östlichen Hälfte des Ruhrgebiets; die hier vorhandene Zusammenballung findet ihr Gegenstück nur noch im westlichsten Teil des Reviers, bei Duisburg in den am Rhein gelegenen Werken. Die Großbetriebe des Bergbaues und der eisenschaffenden Industrie bilden den Kristallisierungspunkt für zahlreiche verarbeitende Betriebe der verschiedensten Art und Größe. Die großen Werke selbst haben ständig einen riesigen Bedarf an Betriebseinrichtungen, an Maschinen, Apparaten, Transportanlagen, Erzeugnissen des Stahlbaues und des sonstigen Industriebaues und an anderem mehr. Darauf beruht es, daß sich Specialunternehmungen für den Bergwerks- und Kokereibedarf, für Industriebahnen, für alle Arten des Stahlbaues und für Werkzeugmaschinen besonders gut entwickeln können. Von dem engen Kontakt, der zwischen den Lieferanten und ihren großen Abnehmern besteht, gehen wechselseitige Anregungen aus, die sich für beide Teile als überaus fruchtbar erwiesen haben. Manche Unternehmungen sind inzwischen Firmen von Weltruf geworden. Dazu gehören vor allem die in Dortmund ansässigen Maschinenfabriken, insonderheit die beiden Werkzeugmaschinenfabriken mit ihrem Schwermaschinenbau, sowie die bedeutenden Stahlbaufirmen und Brückenbauanstalten. Sie haben soeben durch die Gemeinschaftsleistung der „Westfalenhalle“, an der außer ihnen auch die nicht minder bekannten Dortmunder Betonbaufirmen beteiligt waren, ihr hohes Können eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Die ungewöhnliche Anhäufung von Firmen des Stahlbaues ist ein Charakteristikum der Dortmunder Wirtschaftsstruktur. Der vielseitige Industriebedarf bietet aber auch zahlreichen mittleren und kleineren Betrieben, die häufig von den großen Firmen zu Teillieferungen herangezogen werden, dauerhafte und gesunde Existenzmöglichkeiten. Auch sie haben großenteils überbezirkliche Bedeutung erlangt und sind mit bestem Erfolg im Ausfuhrgeschäft tätig.

Die Dortmunder Industriebetriebe gehören zumeist zur Gruppe der Produktionsmittelhersteller. Die Konsumgüterindustrie ist verhältnismäßig schwach vertreten. Eine Ausnahme bilden die weltbekannten Dortmunder Bierbrauereien. Es sind sieben große Brauereibetriebe, die den Ruf der Stadt auf diesem Gebiet begründet haben. An sich ist Dortmund schon im Mittelalter wegen seines Bieres rühmlich bekannt gewesen. Aber die Herstellung im großen ist doch erst im Zuge der industriellen Entfaltung des Ruhrgebietes im vergangenen Jahrhundert in Gang gekommen. Das Bier kam den Bedürfnissen der in den großen Betrieben körperlich, schwer arbeitenden Bevölkerung in besonderer Weise entgegen. Der Massenabsatz, der dadurch möglich wurde, verschaffte den Brauereien zusammen mit der alten Tradition einen beträchtlichen Standortsvorteil. Heute stammt ein Drittel des in Nordrhein-Westfalen hergestellten Bieres aus Dortmund, das sind 8,1 v. H. des Bierausstoßes im Bundesgebiet.