Seit zwanzig Jahren steht an der Spitze der Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika ein demokratischer Präsident. Am 4. November wird der Wähler in den USA darüber entscheiden, ob im Weißen Haus eine Wachablösung stattfinden soll. Während die Demokratische Partei, durch das Zögern Trumans, seine Entscheidung über eine nochmalige Kandidatur bekanntzugeben, in ihren Wahlvorbereitungen stark behindert wird, steht die Republikanische Partei bereits mitten im Wahlkampf. Zunächst handelt es sich darum, wer von den fünf republikanischen Präsidentschaftsanwärtern auf dem im Juli in Chikago stattfindenden Parteikongreß der Grand Old Party zum Präsidentschaftskandidaten der Partei für die Wahl am 4. November gewählt wird. Die Entscheidung in Chikago fällt zwischen Eisenhower und Taft, denn die übrigen Anwärter: Earl Warren, der Gouverneur von Kalifornien, Harold E. Stassen, der Präsident der Universität von Pennsylvanien, und General Douglas McArthur, der gegen seinen Willen von einigen unentwegten Anhängern aufgestellt wurde, haben keine Aussichten in Chikago gewählt zu werden. Dagegen können die vorher für sie abgegebenen Stimmen in dem letzten Wahlgang von entscheidender Bedeutung sein. McArthur hat bereits seinen Anhängern geraten, Taft zu wählen. Warren und Stassen wollen ein Geschäft machen. Beide hoffen, daß ihre Anhänger das Zünglein an der Waage bilden werden und daß der mit ihrer Hilfe gewählte Sieger dem glücklicheren von ihnen das Amt des Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten anbieten wird.

Eisenhower hat ohne Zweifel große Aussichten in Chikago gewählt zu werden, sofern er seinen Posten als Oberbefehlshaber der Alliierten in Europa aufgibt, um sich aktiv am Wahlkampf in der Heimat zu beteiligen. Nun hat der General aber erklärt, daß er einen solchen Schritt von sich aus nicht tun, sondern auf seine Abberufung durch Truman warten werde. Die Entscheidung über den republikanischen Kandidaten liegt also bei dem demokratischen Präsidenten, der sich aber Zunächst einmal darüber klar werden muß, ob er selber wieder kandidieren will. Durch sein Zögern schadet Truman aber auch seiner eigenen Demokratischen Partei. Er verringert ferner die Aussichten Eisenhowers, dem er ohne Zweifel den Vorrang vor Taft gibt. Vielleicht liegt aber dem Zögern Trumans nicht eine ihm von vielen Seiten vorgeworfene Entschlußlosigkeit, sondern die Überlegung zugrunde, daß für ihn in einem Wahlkampf Taft der leichtere Gegner ist.

Welches auch immer die Gründe für die dilatorische Taktik des Präsidenten sein mögen, den Vorteil hat bisher nur Bob Taft gehabt, der sich nunmehr zum vierten Male um die Präsidentschaftskandidatur der Republikanischen Partei bewirbt, die seinen Vater William Howard Taft von 1909 bis 1913 in das Weiße Haus gesandt hatte. Die mißglückten Versuche der Jahre 1940, 1944 und 1948 haben ihn nicht entmutigt. Der Dreiundsechzigjährige weiß, daß sein jetziger Versuch der letzte sein wird. Seit dem 16. Oktober des vergangenen Jahres, an dem er seine Kandidatur als Präsidentschaftsanwärter anmeldete, führt er einen erfolgreichen Wahlkampf, um dessen hervorragende Organisation ihn seine Gegner beneiden. Die Erfahrungen hierzu hatte er in dem Wahlkampf des Jahres 1950 im Staate Ohio gesammelt, der damit endete, daß er mit einem Vorsprung von 430 000 Stimmen vor seinem demokratischen Gegner wieder in den Senat gewählt wurde, in dem er der Führer der Republikaner ist. Diese Führerschaft ist auf innenpolitischem Gebiet unbestritten, denn Taft ist der Senator, der über eine unübertroffene, umfassende und gründliche Sachkenntnis verfügt. Nur in seltenen Fällen muß er auf Unterlagen zurückgreifen, die er in einer überdimensionalen Aktentasche stets bei sich zu tragen pflegt.

Als Außenpolitiker ist Taft erst nach dem Tode des außenpolitischen Spezialisten seiner Fraktion, Senator Arthur Vandenberg, hervorgetreten. Auf diesem Gebiet, das mit exakter Wissenschaft nicht erfaßt werden kann, ist Taft ein Suchender geblieben, auch wenn er in seinem im November erschienenen Buch „Eine Außenpolitik für Amerikaner“ den Anschein zu erwecken sucht, als habe er eine’feststehende außenpolitische Konzeption. Der Außenpolitiker Taft hat sich durch eine noch nicht abgeschlossene Kette von Überprüfungen – re-examinations – von dem Isolationismus früherer Jahre weit entfernt. Im Grunde genommen stimmt er den Grundzügen der Außenpolitik Trumans zu, wenn er auch den Schwerpunkt von Europa nach Asien verlegt zu sehen wünscht.

Mit welcher Konsequenz Taft Überprüfungen auch an sich selbst durchführt, kann man daraus, ersehen, daß er sich in seinem Auftreten vor den Wählern völlig geändert hat. Aus dem professoralen, reservierten Mr. Republican, der seinen Zuhörern jenen Respekt einzuflößen pflegte, den Schulkinder vor ihrem allwissenden Lehrer haben, ist ein Ohio Bob geworden, der es mit jedem volkstümlichen Kongreßmitglied aufnehmen kann. Diese Wandlung ist zu einem großen Teil dem Einfluß seiner Frau Martha zuzuschreiben, mit der er, seit 1914 in einer glücklichen und vorbildlichen Ehe lebt. Es gibt keinen Wahlkampf ihres Mannes, an dem die Tochter des ehemaligen Generalstaatsanwaltes Bower nicht sehr intensiv als erfolgreiche Rednerin teilnimmt. Als ihr Mann 1938 zum erstenmal in den Bundessenat gewählt worden war, brachte die Presse diese Mitteilung mit der Überschrift: „Bob und Martha sind gewählt!“

In einer Zeit, in der am laufenden Band Korruptionsfälle innerhalb des Regierungsapparates aufgedeckt werden, ist ein Mann wie Taft, der eine blütenweiße Weste hat, ein besonders gefährlicher Gegner im Wahlkampf. Er ist im Augenblick derjenige unter den offiziellen Präsidentschaftsanwärtern, der die besten Aussichten hat; in das Haus zurückzukehren, das vor vierzig Jahren sein Elternhaus war. Ernst Krüger