Eine Stadt wie Dortmund, die heute fast ausschließlich Gebilde und Ausdruck der industriellen Gesellschaft ist, zeigt, wie kein anderer Stadttyp, die der modernen Gesellschaft entsprechenden Sozialprobleme. Der größte Teil aller öffentlichen Arbeit in Verwaltung und Wirtschaft hat eine soziale Seite, und es ist gewiß, daß ohne Verständnis und eine Kenntnis dieser sozialen Schatten in Leben und Arbeit der industriellen Gesellschaft auch eine sinnvolle Lenkung dieses Lebens nicht möglich ist. Von solchen Gedanken ausgehend, ist die zur Universität Münster (Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät) gehörige Sozialforschungsstelle nicht am Sitz der Universität gegründet worden, sondern mitten ins Industriegebiet – nämlich nach Dortmund – hineingelegt, damit sie die Verbindung mit ihren Arbeitsaufgaben nicht zu suchen braucht, sondern vor sich liegen sieht.

Die Auffassung der letzten hundert Jahre als eines Zeitalters der sozialen Bewegung hat sich allgemein durchgesetzt. Aber es besteht hier ein Mißverhältnis zwischen vorschnellen Werten und nüchternem Feststellen der Erfahrungen. Immer wieder schalten sich Theoreme und Ideologien ein, bevor das Tatsächliche hinreichend erkannt und beschrieben ist. Aber nicht Ideologien helfen, sondern empirisch gewonnene Tatsachen und deren richtige Deutung. Diese in der Natur der Dinge liegende Forderung ist in der deutschen Wissenschaft wie in der Praxis nicht hinreichend berücksichtigt worden. So groß auch die Verdienste des Vereins für Sozialpolitik vor Jahrzehnten waren, so ist die Erforschung zumindest der zwischenmenschlichen Verhältnisse im Rahmen der industriellen Gesellschaft doch weit hinter dem heute als notwendig Erkannten zurückgeblieben.

Das waren die Ausgangspunkte für die Gründung der Sozialforschungsstelle vor sechs Jahren. Die erste Aufgabe war, ihre Arbeitsbereiche und ihre eigene Problematik zu finden. Dabei traten die empirische Forschung und ihre Methoden in den Vordergrund: statt sozialpolitische Rezepte zu verabreichen, bemühte man sich, die industrielle Gesellschaft voraussetzungslos zu erfassen und zu verstehen. Darum gehören Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen zu diesem Institut: Soziologen, Historiker, Bevölkerungswissenschaftler, Mediziner, Psychologen, Juristen und Volkskundler. Im Gespräch zwischen diesen Fachvertretern werden Fragestellungen konzipiert und Forschungsgruppen gebildet. Dabei werden die drei wichtigsten Gebilde der industriellen Gesellschaft, die Familie der Betrieb und die Gemeinde, teils in Einzelstudien, vor allem aber in kombinierten und koordinierten Untersuchungen behandelt. Ihr Ziel ist, das Zwischenmenschliche im Industriebetrieb, der industriebedingten Gemeinde und in der Familie zu erforschen. Durch breit angelegte Arbeit geschlossener Gruppen wird das Tatsächliche ermittelt, wobei man bestrebt ist, das Allgemeingültige an Einzelfällen darzustellen. Nur so kann ein Erfahrungsschatz entstehen, aus dem die Führer der Wirtschaft und der Gewerkschaften, die Leiter der Gemeinden, die Politiker und Sozialpolitiker, ihre Erkenntnisse und ihre Entschlüsse entwickeln. Die Feststellung von Reformvorschlägen wird im allgemeinen als außerhalb der wissenschaftlichen Aufgabe angesehen und bleibt den verantwortlichen Stellen der Praxis überlassen.

Für die Durchführung solcher Untersuchungen sind größere Forschungsgruppen erforderlich. Zur Zeit arbeiten in der Sozialforschungsstelle Gruppen zwischen sechs und sechzehn Mitarbeitern, von denen im allgemeinen die Hälfte langfristig angestellte Wissenschaftler sind und die andere Hälfte ältere Studenten, z. T. Doktoranden. Mit diesen Forschungsgruppen und den technischen Kräften zusammen hat das Institut zur Zeit etwa 50 Mitarbeiter. Dafür steht eine Hollerithabteilung, eine Bibliothek von etwa 10 000 Bänden, vorwiegend sozialwissenschaftlicher Art und ein Archiv mit sozialgeschichtlicher Betonung zur Verfügung. Die zur Zeit noch bestehenden Raumschwierigkeiten werden im April durch einen Neubau, der vorwiegend aus Mitteln der Stadt Dortmund erstellt wurde, überwunden werden können. Die Aktualität der Forschungsprobleme verspricht für die Zukunft eine weitere günstige Entwicklung. Dr. Brepohl