Eine kleine Schlagerparade

Verachtet mir den Schlager nicht! Wie der Kriminalromanan Verstand und Phantasie des ablenkungsbedürftigen Menschen von heute, so appelliert der Schlager an das Gemüt der vielen, die sich mit den Mitteln der höheren Kunst nicht auszudrücken wissen. In den Texten ihrer Lieblingsschlager finden sie ihre eigenen Stimmungen wieder. Und manchen begleitet eine Schlagermelodie durchs ganze Leben, weil sie ihn an zärtliche Stunden erinnert. „In einer kleinen Konditorei...“ Der Schlager ist das Volkslied unseres Massenzeitalters.

Aber Volkslieder überdauern Jahrhunderte, Schlager dagegen sind kurzlebig. Auch die meistgesungenen sind nach. ein paar Jahren „alt“, Volkslieder bleiben ewig jung. Nach 25 Jahren gehört ein Schlager der Vorzeit an, und wenn der Rundfunk ihn spielt, führt ihn der Ansager mit Bemerkungen über die „gute alte Zeit“ ein.

1927, 1952 – zwei Welten in der Lebensstimmung der deutschen Massen, zwei Welten in den Texten der Spitzenschlager.

Welchem Textdichter wäre damals die Geschichte von dem „kleinen Zottelbären“ eingefallen, der, „weiß vom Kopf bis zum Po“, hoch vom Norden her kommend sich die Welt ansieht, „schließlich auch noch den Zoo“, und dabei von einem Wärter in den Käfig gesteckt wird? „Er hat sich beschwert, weil es sich nicht gehört, daß man einfach eingesperrt wird.“ Aber kleine Bären dürfen eben nicht „im Tierpark bummeln gehn“. Die Welt ist voller Gefängnisse, daran dachte vor 25 Jahren der Schlagerdichter nicht. Ihn und sein Publikum bewegte vielmehr die Frage: „Was machst du mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz?“ Und seine überschüssige Lebensfreude preßte er in die Feststellung: „Ich hab’ das Fräulein Helen baden sehn, wunderschön.“

Solch laszive Töne würden, wenn man nach der Schlagerparade des NWDR urteilen darf, bei der heutigen Jugend keinen Anklang mehr finden. Sie verlangt mehr Dezenz und hat keinen Sinn für die schwülen Phantasien mancher Schlager der zwanziger Jahre: „Salome, schönste Blume des Orients“ (im Rhythmus des Bauchtanzes), „Mir ist heut so nach Tamerlan, nach Tamerlan zumut“ und „Eine Miezekatze hat se aus Angora mitgebracht...“ Sie freut sich unbefangen mit, wenn die achtjährige Cornelia Froboess die Parole ausgibt: „Pack die Badehose ein, nimm dein kleines Schwesterlein...“ oder wenn Heinz Erhardt die Frage aufwirft und beantwortet: „Was war das Leben ohne Skat? Es wäre öd und blöd und fad.“

Ohne jedoch für die Liebe unempfindlich zu sein, natürlich. Nur, daß ihren Gedanken an Liebe außer dem Schwülen auch das Selig-Romantische fehlt, das man damals bevorzugte („Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren“), das Glücklich-Verliebte („Mein Liebling heißt Mädi“, „Wenn ich die blonde Inge abends nach Hause bringe...“) und die galante Werbung („Ich küsse Ihre Hand, Madame“ oder „Wenn du einmal dein Herz verschenkst“).