Von Josef Marein

Über kein Instrument der Öffentlichkeit gibt es so viele verschiedene Meinungen wie über den Rundfunk. Die bejahenden Kritiker sagen – und haben völlig recht damit –, in jedem Monatsprogramm jeden deutschen Senders sei des Guten oder Erwünschten so viel, daß die Hörergebühr von zwei Mark reichlich aufgewogen sei. Die Verneiner hingegen erklären, daß die ununterbrochene Flut von Worten und Tönen, die den Lautsprechern in fast jedem Haus entströmt, nivellierend und wertzerstörend wirke wie nichts sonst; ein Urteil, das ebenfalls zu Recht besteht. In diesem Zusammenhang sei an das viel zitierte Wort von Dr. Grimme, dem Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks, erinnert, der die permanente Gefahr der akustischen Hochflut durch eine pädagogische Ermahnung an die Allgemeinheit zu dämmen suchte: "Was früher der Kamin war, wie einst die Petroleumlampe den Familienkreis vereinte, das muß im deutschen Haus der Rundfunk werden: der Mittelpunkt der inneren Sammlung. Der Rundfunk kann seinen Sinn nur dann erfüllen, wenn er statt Hörer Zuhörer anspricht, wenn vor dem Empfangsgerät also Menschen sitzen, die wissen, daß das oberste Gebot des Rundfunkhörens der Wille zur Auswahl ist."

Wir wollen hier das Ideal nicht kritisieren, das durch Worte wie "Kamin" und "Petroleumlampe" angedeutet wird, wenn auch gewiß ist, daß jene von reformatorischem Geiste erfüllten Männer um den früheren Kultusminister Becker und den Musikpolitiker Leo Kestenberg, deren Kreis ja schließlich auch Adolf Grimme nahestand, nicht nur die Familie, sondern eine größere Gemeinschaft vor Augen sahen in ihrem Bestreben um kulturelle Erneuerung des Volkes. Feststeht, daß der "Wille zur Auswahl", den Dr. Grimme so nachdrücklich betonte, tatsächlich die wichtigste Forderung an den Rundfunkhörer ist. Wie aber, wenn zuvörderst die Rundfunkleute selbst vom Willen zur Auswahl beseelt wären?

Natürlich, keine Sendeleitung wird böswillig dem Schlechten vor dem Guten den Vorzug geben, dem Kitsch den Vorzug vor der Kunst. Wenn dennoch das Minderwertige so oft auf Ätherwellen anzutreffen ist – ebensooft wie im Film, nur ärgerlicher durch die Allgegenwart der Wellen –, so gibt es dafür zwei wesentliche Ursachen, deren erste auf einem organisatorischen Mangel beruht: Die deutschen Rundfunk-Institute sind fast alle personell überbesetzt, nicht zuletzt deshalb, weil sie aus bewußt sozialer Haltung Entlassungen vermeiden wollen. Folge: Der Apparat wird schwerfällig; die Verantwortung einzelner setzt sich nur mühsam durch; die Verantwortlichen sind schließlich allzusehr mit Vorgängen der Personalpolitik beschäftigt; schon der "Wille zur Auswahl" von Persönlichkeiten wird also gehemmt. Wie erst der "Wille zur Auswahl" des Programms! Die zweite Ursache für viele Unebenheiten der Funkdarbietungen aber liegt darin, daß viel zuwenig Funkleute – und dies trotz der Einrichtung von "Funkschulen" – sich darüber einig sind, welche Sendung ihr Sender hat, welche Möglichkeiten, welche Grenzen...

Manch Hörspiel-Verantwortlicher, manch Musik-Verantwortlicher meint immer noch, das Theater, beziehungsweise das Konzert böte das analoge Beispiel seiner Funkarbeit. Falsch, ganz falsch! Das generelle Gegenbeispiel funkischer Arbeit ist die Tageszeitung. Übrigens nennt Walter Berten, der Komponist und Musikschriftsteller, in seinem jüngst erschienenen Buch "Musik und Mikrophon" noch ein anderes Gegenbeispiel, wenn er meint, der Funk verhielte sich zur Zeitung wie die Schallplatte zum Buch. – Sobald man diesen Vergleich akzeptiert, begreift man die ganze Schwierigkeit funkischer Programmgestaltung, die schon darin begründet ist, daß Zeitungen sich bewußt an bestimmte Leserkreise wenden, die Rundfunksender jedoch gehalten sind, den allerverschiedensten Ansprüchen Rechnung zu tragen. Viele Zeitungen sind Parteiblätter; der Rundfunk soll überparteilich, soll unparteiisch sein. Einige Zeitungen wenden sich an eine Schicht gebildeter, geistig anspruchsvoller Leser und nehmen eine geringere Auflage in Kauf; der Rundfunk – so verlangt man – soll hohe Ansprüche erfüllen und soll zugleich den Anspruchslosen Unterhaltung bieten. Er hilft sich aus diesem Dilemma, indem er als ewig neues Rezept den alten Spruch anwendet: ‚Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.‘ Dabei glauben viele Programmleiter, daß es allein der Stoff sei, der, jeweils wechselnd, die jeweiligen Ansprüche befriedigen könnte. Motto: Man schickt das "Glühwürmchen" in den Äther, damit die ‚einen erst einmal stille sind‘, und schließmit ein Beethoven-Quartett, damit die ‚andern auch nicht klagen‘. Tatsächlich fehlt es nicht an Stoffen, nicht an Themen. Woran es hapert, ist die Gestaltung der Stoffe, die funkische Gestaltung.

Um den Vergleich noch deutlicher zu machen, seien Namen vergangener Zeitungen genannt: Wie seltsam hübsch paßt das, was Dr. Grimme sagte – "Kamin ... Petroleumlampe ... deutsche Familie" – auf den "Berliner Lokal-Anzeiger", das große bürgerliche Blatt, das in jeder deutschen Großstadt in den Zeitungen vom "Generalanzeiger"-Typ imitiert worden war. Abends aber, wenn die Sonne gesunken ist, hebt sich das Niveau: das "Nachtprogramm" setzt ein. Wer dächte nicht an den Kulturteil der "Vossischen Zeitung", so wie Monti Jacobs, oder an den der "Deutschen Allgemeinen Zeitung", so wie Paul Fechter ihn führte. Eine Zeitung, die sich unterfangen wollte, das Niveau der "Berliner Morgenpost", des "Lokal-Anzeigers", der "BZ am Mittag", der "Frankfurter Zeitung" zu vereinen, stürbe an diesem Experiment. Die Rundfunkinstitute haben Glück, daß ihre Programme naturgemäß in zeitlicher Folge ablaufen. Was morgens mit dem "Einzug der Gladiatoren" beginnt, kann abends – ohne daß jemand Anstoß nehmen dürfte – mit einem Gespräch über Heideggers Philosophie enden.

Nun mag das eine Ideal – das manchmal ohnehin ein formales Ideal ist – soviel Recht haben wie das andere, denn der Intellektuelle ist kein besserer Mensch als der ungebildete-unverbildete Mann, wenn er auch der klügere sein sollte. Und das Ideal, wie Adolf Grimme es formulierte, bietet zweifelsohne eine Maxime, nach der die Rundfunk-Dramaturgen handeln können. Gleichgültig aber, nach welcher allgemeingültigen Regel sie sich richten –: sie werden desto größere Erfolge haben, je mehr sie beim Vergleich mit der Tageszeitung darauf achten, daß – zumindest im kulturellen Teil – ein Gesetz der Komposition vorwaltet. Es war journalistische Gestaltung, was Monti Jacobs und Paul Fechter auf den von ihnen redigierten Seiten Tag für Tag boten. Sie boten mit der Auswahl der Novellen und Kurzgeschichten – um nur ein Beispiel zu nennen – nicht Ersatz für eine Buchlektüre; sie regten eigene Formen an, strenge, aber auch unterhaltsame Formen. So genügt es nicht – um wiederum nur ein Beispiel zu nennen –, daß Symphonieorchester-Darbietungen den Besuch eines Konzertes ersetzen. So wie es journalistisch eigene Formen gibt, so gibt es eigene funkische Formen, und eben diese werden zu wenig beachtet, zu wenig gesucht. Vor allem aber hapert es an der Erkenntnis, daß jedes Funkprogramm dem Tag oder zumindest seinen Abschnitten, dem Vormittag, dem Nachmittag, dem Abend einen Inhalt geben könnte, zumindest einen Stil.