Barlog stellt sich im Westen vor

Ist es nicht eine verkehrte Welt? Früher zog Berlin die Theaterbesucher aus ganz Europa an; heute muß ein Berliner Ensemble sich auf den Weg über die Zonengrenze machen, damit die Westdeutschen einen Begriff bekommen, wie man in Berlin Theater spielt. Eine traurige Variante der Geschichte vom Berg und dem Propheten...

Boleslaw Barlog, seit 1945 Berlins impulsivster und musischster Theatermann, ist für das Publikum diesseits von Helmstedt bisher allenfalls ein Name, aber keine Figur gewesen. So kam er mit seiner Berliner Inszenierung eines Stückes („Das Mädchen vom Lande“) von dem Amerikaner Clifford Odets nach Hamburg ins Theater am Besenbinderhof wie ein Gast aus fremdem Land, von dem man aus Zeitungen erfahren hat, daß er in seiner Heimat sehr angesehen sei, und dem man darum eine absonderliche Höchstleistung abfordert. Eine heikle Situation – um so heikler für den Regisseur Barlog, als von den drei Hauptdarstellern dieses Gastspiels zwei (Marianne Hoppe und Hans Söhnker) den Zuschauern längst vertraut waren und nur einer (Ernst Deutsch) vorderhand noch als rein Berliner Schauspieler gelten kann.

Er nun, Ernst Deutsch, entschied den Erfolg – obwohl die souveräne Beherrschung von Wort und Gebärde, inzwischen zu einer fast erhabenen Einfachheit gediehen, bei ihm natürlich auf Reinhardts hohe Schule zurückgeht und Barlog einem solchen Darsteller kein Lehrmeister zu sein brauchte. So mußte die Arbeit des Regisseurs einem Publikum, das an die umformenden Zugriffe von Szenikern wie Stroux, Heinrich Koch, Sellner und Piscator gewöhnt ist, einigermaßen ungreifbar bleiben, und man vernahm enttäuschte Stimmen von solchen, die so etwas wie einen „neuen Berliner Stil“ erwartet haben mochten.

Dergleichen strebt nun aber Barlog gar nicht an. Seine Arbeit hat keine methodischen Prinzipien Warum auch? Sie will reelles, richtiges; gutes Theater, das die Grundtonart eines Stückes zum Klingen bringt. Und sie leistet das in heute beispielloser Geschmeidigkeit, vom Tragischen bis zum Schwankhaften.

Daß von „Inszenierung“ an der Oberfläche so wenig wahrzunehmen war, spricht zugunsten Barlogs, der für diese strindbergisch-amerikanische Komödianten-Komödie mit den Darstellern alle Nebentöne und Doppeldeutigkeiten erarbeitet hatte, die der New Yorker Neo-Realismus verlangt. Mit welcher Sicherheit wurden die Merkmale der Unsicherheit getroffen, die in diesen Broadway-Kreaturen geistert! Wie untrüglich wurde die bittere Ironie vorbereitet, mit der die Hoppe – vierschrötig, verquetscht, immer dicht am Überkippen – an der Nahtstelle des Stückes ihren schon hoffnungslosen Trotz gegen das verlorene Dasein im Häusermeer auf die Formel bringt: „Ich bin eben ein Mädchen vom Lande“!

Säße Barlog in Hamburg oder München, er würde gewiß nicht anders Theater spielen lassen als nun. Daß er in Berlin tätig ist, muß nur darum betont werden, weil sich das bei ungewöhnlichen deutschen Theaterkünstlern gar nicht mehr von selbst versteht. Und das eben ist das Traurige.

C. E. L.