Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Mitte März

In der vergangenen Woche schien es, als ginge die Ära Reuter in Berlin zu Ende. Er hatte von sich aus, nicht auf Grund eines Parteibeschlusses, seine SPD-Mitsenatoren in der Berliner Koalitionsregierung aufgefordert, die gemeinsame Senatssitzung zu verlassen. Wenige Tage danach hielt er vor dem Abgeordnetenhaus der Stadt eine gegen die Koalitionspartner CDU und FDP gerichtete Rede, die, nach bisherigen parlamentarischen Regeln, ein Rücktrittsangebot wir.

Der aktuelle Anlaß zu dieser ernstesten Krise der Berliner Koalitionsregierung war: die SPD wir von den im Senat die knappe Mehrheit besitzenden FDP- und CDU-Senatoren bei der endgültigen Besetzung einiger Stellen für Senatsdirektoren überstimmt worden. Zwar wurde der Posten des Senatsdirektors für Volksbildung – geleitet wird dies Dezernat von Professor Tiburtius (CDU) – den Sozialdemokraten gegeben, aber die bürgerliche Senatsmehrheit verlangte dafür die Ersetzung des sozialdemokratischen Leiters des Hauptschulamtes durch ein FDP-Mitglied. Da die Berliner Schule in ihren heutigen Grundzügen das Resultat einer radikalen Reform ist, für die sich vor der Teilung der Stadt die SPD mit der SED zusammengefunden hatte, ist der Anspruch auf die Leitung der Berliner Schule stets ein besonders wichtiger Streitpunkt zwischen den heutigen Koalitionspartnern gewesen. Zwar waren diese wie andere Kontroversen bekannt, doch hatte man die Drohung, die Koalition aufzukündigen, immer – mit dem Argument abgetan, für Berlin, die Stadt inmitten der Sowjetzone, sei die große Koalition, also die Beteiligung aller Parteien an der Verantwortung, eine nationale Notwendigkeit. Um so überraschender waren jetzt der Auszug der Sozialdemokraten aus dem Senat und Reuters Kampfansage, die aber eine unerwartete Reaktion hervorrief. Die beiden von ihm attackierten Parteien, CDU und FDP, waren bereit, seine Rücktrittsdrohung anzunehmen. Die Rollen waren so verrauscht, daß der SPD-Parteivorsitzende Neumann – bisher gegenüber Reuter stets der politische Scharfmacher – die CDU und die FDP beschwor, solche Konsequenz nicht zu ziehen, und hierfür Reuters Ansehen in der Welt zitierte. Der Rücktritt Reuters unterblieb. Der Senat, der die Reuter-Erklärung nicht als die seine, sondern als eine persönliche Erklärung des Bürgermeisters kennzeichnete, will in der übernächsten Woche einen weiteren Versuch machen, ein gemeinsames Arbeitsprogramm der Koalition aufzustellen.