Unter der altbewährten Flagge seines Namens und seines Verlages, des Bibliographischen Instituts Leipzig, ist eine neue Ausgabe des „Duden“ aufgekreuzt. Sie gibt vor, für das ganze deutsche Volk bestimmt zu sein, und im Vorwort heißt es: „Die Feinde unseres Volkes, die seine Spaltung und damit seine Vernichtung anstreben, mögen wissen, daß keine Interessenpolitik der Imperialisten das feste Band zerreißen kann, das die Gemeinschaft unserer Sprache um die deutschen Menschen schlingt, die ihr Vaterland lieben.“ Im Text sieht das dann aber anders aus. Das Wörterverzeichnis enthält die Wörter: Artel, Donbaß, Jaworisation, Natschalnik, Nitschewo, Oblomowerei, Pjatilekta, Sowchose und vieles andere aus dem sowjetischen Wortschatz. Verlangt ein Leser nach der Übersetzung von „Oblomowerei“, so wird ihm gesagt, dies sei eine „von Lenin geprägte Bezeichnung für die lebensuntüchtige, passive Grundhaltung, die der Bolschewismus (in der SU) überwunden hat“. Man achte auf die diskret einschränkende Klammer! ‚Es wäre doch gelacht‘, könnte man sie deuten, ‚wenn diese Passivität nicht auch in den Satellitenstaaten ausgerottet würde‘! Das Wort „Natschalnik“ ist ebenfalls der Übersetzung wert. Es ist „Vorgesetzter, Chef, Vorsteher“, jedoch in durchaus deklassierendem Sinne. So haben es die deutschen Gefangenen und Zwangsarbeiter in der Sowjetunion zur Genüge kennengelernt.

Auch das Verzeichnis der Abkürzungen, Kurzwörter und Zeichen steht ganz im Rahmen der sowjetdeutschen Ideologie. Was ein ABF-Student ist? Jedes Kind soll das in der DDR mit der Muttermilch aufnehmen: Ein Student der Arbeiter- und Bauernfakultät natürlich! Da sind: ASSR = Autonome Sozialistische Sowjetrepublik, CRZZ = Zentralrat der polnischen Gewerkschaften. Da ist MEGA zur Verwunderung aller Altphilologen nicht etwa „groß“ (griechisch) großgeschrieben, sondern Schlüssel für die „Marx-Engels-Gesamt-Ausgabe“. Nun, die SKK, die Sowjetische Kontrollkommission hat es genehmigt. Also ist es gut! Da ebenfalls die Abkürzung KZ = Konzentrationslager genannt ist, kann man dies als eine ungewollte Bestätigung für die Existenz dieser so oft abgeleugneten Institutionen in der Sowjetzone ansehen!

Dies alles ist vorhanden. Das Fehlende ist noch bedenklicher. Es fehlt jetzt ein guter Teil des humanistischen Wortgutes, zum Beispiel apodiktisch, aristotelisch, Assoziation, Bibliomane, Föderation, Integration, Kakophonie, Monomane, Palmette, sokratisch, Verismus. Dieser Duden ist eben kein harmloser Ratgeber mehr. Man sieht bereits im Geiste, wie für den Aufsatz oder für den Schulungsbeitrag hastig abgeschrieben wird: Existenzialismus = „bürgerlich-reaktionäre Richtung in Kunst und Philosophie“, Expressionismus = „extrem idealistische Kunstrichtung“, Idealismus = „stellt das Denken vor das Sein“, Parlamentarismus = „Beschränkung demokratischen Handelns auf die Tätigkeit des Parlaments“, Sozialdemokratismus = „Aufgeben des Marxismus als der Theorie der Arbeiterklasse und Verrat an dieser“, Volksdemokratie = „Staatsform, bei der das Volk im Gegensatz zu bürgerlichparlamentarischen Staaten wirklich regiert“.

Suchen wir aber den Löwen in seiner Höhle auf und schlagen wir „Bolschewismus“ nach, so finden wir die Erläuterung, daß dies weiter nichts ist als die „Summe und Auswertung der Erfahrungen der Bolschewiki“, und diese wiederum sind „die Mitglieder der kommunistischen Partei der Sowjetunion“. Wie harmlos das klingt, wie jovial! Gerade die derzeit gängigsten Stichwörter sind mit dem Öl solcher falschen Ehrbarkeit gesalbt. So heißt es unter „Sozialismus“: „Gesellschaftsform, in der die Produktionsmittel Volkseigentum sind, die Ausbeuterklassen zerschlagen, die Ausbeutung des Menschen beseitigt und die Klassenwidersprüche aufgehoben sind“.

Das Bibliographische Institut, das ehedem als Verlag von „Meyers Lexikon“ einen Namen von Tradition und Weltruf besaß, hat als volkseigener Verlag die Schwenkung zum Kommunismus vollziehen müssen. Die in Bearbeitung befindliche Neuausgabe des „Kleinen Meyer“ wird ein Kompendium des Marxismus werden und den „Duden“ noch überbieten.

Joachim Ahlemann