Keine Institution hat bisher einen Preis für gesendete Hörspiele gestiftet. Jetzt haben es die dankbarsten und intensivsten Hörer getan: die Kriegsblinden. Sie stifteten den bisher einzigen deutschen Hörspielpreis und beriefen neben fünf Kriegsblinden fünf angesehene deutsche Rundfunkkritiker in das Preisgericht.

Es sollte nach dem Maß der „menschlich gewinnreichen Aussage“ gefragt werden, also danach, ob der Hörer mit dem dargebotenen Werk etwas anfangen kann, ob er etwas erfährt, was ihm hilft, seinem Leben besser gewachsen zu sein. Mit Recht wurde das Schwergewicht bei der Prüfung auf diese menschliche Seite gelegt (ohne daß Zugeständnisse an den Rang der formalen Bewältigung gemacht. wurden), weil sich das Hörspiel nicht an exklusive Kreise wendet, sondern an alle, und das bringt auch menschliche Verantwortung mit sich. Allein im NWDR-Bereich ist nach neuesten Erhebungen bei einem guten Hörspiel der Mittelwelle mit einer Zuhörerzahl von zwei bis drei Millionen zu rechnen, und selbst bei dem nach Bremen kleinsten Sender, Stuttgart, ist eine Zahl von rund 400 000 aufmerksamer Hörspielfreunde festgestellt worden. Diese Menschen sind hungrig, sie erwarten etwas. So vertreten die Kriegsblinden nicht nur insofern die Hörerschaft, als vor dem Lautsprecher sozusagen jedermann „blind“ ist, sondern auch darin, daß sie auf inneren Zuspruch angewiesen sind – wie mehr oder weniger jedermann.

Aber zum guten Hörspiel gehört natürlich mehr als die Aussage. So lehnten die Preisrichter bei ihrer Zusammenkunft in Frankfurt das Hörspiel „Die Krankheit des Herrn Satory“ von W. Maaß (NWDR Hamburg) ab, weil hier die künstlerische Meisterung nicht überzeugen konnte. Und umgekehrt billigte man Günter Eichs „Träume“ zwar den höchsten Rang an gestalterischer Konzeption und sprachlicher Kraft zu, aber lehnte das Hörspiel ab, weil hier wiederum die helfende oder weisende Aussage gänzlich fehlt, obendrein bei einem Werk, das die Angst des Menschen unserer Tage zum Gegenstand hat.

Immerhin wurden Eichs „Träume“ und Wuttigs „St. Louis Blues“ (ein Hörspiel, das den Auf- und Abstieg eines schwarzen Jazztrompeters schildert) vom Preisgericht in der offiziellen Verlautbarung ehrend erwähnt. Während es bei Wuttigs Hörspiel verblüfft, daß es vom NWDR Berlin kommt, der sonst die unzulänglichsten Hörspiele sendet, ist die Herkunft des preisgekrönten Hörspiels – „Darfst du die Stunde rufen?“ von Erwin Wickert – aus dem Süddeutschen Rundfunk nicht verwunderlich. Die Stuttgarter Hörspielabteilung unter Gerhard Prager, hat zwar nicht die finanziellen Mittel, wie sie anderen Hörspielabteilungen zur Verfügung stehen, aber sie hat dafür – ähnlich wie die Bremer – eine großartige Aktivität und versteht es, die besten Autoren zu gewinnen. Nur Stuttgart allein bringt seit langem wöchentlich zwei große Hörspiele, davon eins am Sonntagnachmittag. Kein Wunder also, daß unter den letzten zehn Hörspielbändern, die es in Frankfurt abzuhören galt, sich drei aus Stuttgart befanden! Und auffällig wiederum, daß der Südwestfunk über die Vorentscheidung nicht hinauskam. Grund: die Spitzenhörspiele des Südwestfunks waren im Vorjahr Bearbeitungen nach ausländischen Romanen („25 Uhr“, „Bambi“ usw.), aber Bearbeitungen nach ausländischen Werten sollten nicht berücksichtigt werden, weil der schöpferische Anteil des deutschen Autors gerade hinsichtlich der „Aussage“ nur gering sein kann.

Mit Erwin Wickerts Hörspiel, das sich ohne die üblich gewordene, strapaziöse Seelenanatomie mit dem Thema der Bewältigung des Leidens und Sterbens befaßt (Euthanasie), wurde ein Werk ausgezeichnet, das den Menschen unserer Zeit anspricht und ermutigt, und das zugleich von großer Könnerschaft in der Handhabung funkischer Mittel zeugt. Reinhard Rebensburg