Am zwanzigsten Todestage Briands, dem 7. März, dieses größten Europäers zu gedenken, hat keine französische Feder verlockt. Die europäische Idee steht zur Zeit in Paris nicht sehr hoch im Kurs und noch weniger der Gedanke der deutsch-französischen Verständigung.

Die Journalisten waren an diesem Tage vollauf damit beschäftigt, die Bemühungen des neuen Ministerpräsidenten zu verfolgen, eine Regierung zusammenzustellen, die in der Nationalversammlung eine Mehrheit finden könnte. Die Verhandlungen mit den Parteien zogen sich bis in den nächsten Morgen hinein. Es ging um die Besetzung des Außenministeriums. Die Person Robert Schumans, des langjährigen Leiters der französischen Außenpolitik, war heftig umstritten, Die Rechtsgruppen, unter ihnen siebenundzwanzig gaullistische Überläufer, erwarteten zwar keinen eklatanten Wechsel der Außenpolitik, aber doch eine weniger auf die Verständigung mit Deutschland und auf die Europa-Armee festgelegte Persönlichkeit an der Spitze des Quai d’Orsay. Die christlich demokratischen Volksrepublikaner dagegen, die den linken Flügel der Mehrheit abgeben sollten, bestanden darauf, daß Mehrheit im Amte bliebe.

Der nächtliche Kampf um den „Mönch im Quai d’Orsay“ ist indes dazu angetan, Erinnerungen an den „Pilger des Friedens“ zu wecken. Diese Beinamen, die Schuman und Briand in Frankreich erhalten haben, zeugen von der Hochachtung, die ihre Landsleute der Reinheit ihrer Ziele entgegenbringen, haben aber einen Unterton, der beide Männer aus der „Realpolitik“ in das Reich der Ideen verweisen möchte. Fragt sich nur, ob die sogenannte Realpolitik nichts weiter ist als Reaktion, als ein Rückfall in einen Poincarismus, der heute noch unzeitgemäßer wäre, als er es schon zu seinen Lebzeiten war.

Der Vertrag von Locarno war am 16. Oktober 1925 paraphiert worden, am 10. September 1926 zog die deutsche Delegation in den Völkerbund ein, am 17. frühstückten Briand und Stresemann wenige Kilometer von Genf entfernt in Thoiry, in der Herberge der Madame Léger, um die deutsch-französische Verständigung noch zu erweitern. Briand hatte die Verhandlung durch seinen Vertrauensmann, Professor Hesnard, den Pressechef der französischen Botschaft in Berlin, der ihm dann auch als Dolmetscher diente, einleiten lassen. Stresemann berichtete darüber: „Herr Briand hatte mich durch Professor Hesnard darauf vorbereiten lassen, daß er mir vorschlagen werde, die ganze Rheinlandbesetzung aufzuheben, das Saargebiet an Deutschland zurückzugeben und ebenso die Militärkontrolle zu beseitigen.“ Stresemann antwortete: „Wir beteiligen uns, wenn unser Abkommen durchgeht, an der Stabilisierung des französischen Franc. Das will ich auch gern tun, denn es ist nur in unserem Interesse, daß überall in Europa stabile Verhältnisse herrschen. Aber ich möchte nicht Poincaré stabilisieren. Glauben Sie nicht, daß er bleibt, wenn wir ihm jetzt die Möglichkeit geben, mit diesen Maßnahmen den Franc zu halten?“

Inzwischen, nämlich am 22. Juli 1926, war Poincaré wieder Ministerpräsident geworden und sollte den Franc retten. Briand war nur noch Außenminister. In Thoiry kam es zwischen Briand und Stresemann zu einer vollen Verständigung, die nur noch der Billigung der beiden Regierungen bedurfte. Aber schon am 22. August 1926 hatte Stresemann dem französischen Geschäftsträger entgegenhalten müssen: den Staatsmännern und Intellektuellen, die eine Verständigung mit Deutschland wollten, ständen die Traditionen der französischen Massen gegenüber, die in Deutschland eine Drohung sähen, und die Presse, die diesem Instinkt der Masse schmeichele. Dazu komme, daß die Franzosen wenig reisten und deshalb die größten Schauergeschichten glaubten. Schließlich werde die Geschichte doch von Persönlichkeiten gemacht, und Herr Poincaré sei wohl kein Deutschenfeind, aber ein Mann, der sich als Gralshüter der letzten Kommas des Versailler Vertrages fühle. Herr Briand habe vielleicht seine Kräfte überschätzt in bezug auf die Durchführbarkeit seiner Ideen, da sicher das Korps der französischen Beamten und Militärs auf einem ganz anderen Boden als er stehe... Mich hätten die einzelnen Satzungen und Bestimmungen des Locarno-Vertrages und des Völkerbundes weniger interessiert als der Geist, der von dieser Verständigungspolitik. hätte ausgehen müssen.“

Stresemann sollte Recht behalten. Der viel beschworene „Geist von Locarno“ stellte sich nicht ein. Aus Thoiry wurde nichts. Briand glaubte den Schwierigkeiten der direkten deutsch-französischen Verständigung ausweichen zu können, in der Hoffnung, sie später im weiteren Rahmen einer europäischen Föderation leichter zu lösen. „Ich betrachte es als eine Notwendigkeit, Europa zu organisieren, es zu organisieren nicht gegen andere Länder, sondern für die Schaffung der besten unmittelbaren Voraussetzungen des Friedens“, verkündete er am 16. Juli 1929 in der Abgeordnetenkammer. Und am 31. desselben Monats erklärte er im Senat: „Wir wollen ein Werk des Friedens vollbringen, an dessen Gelingen die Vereinigten Staaten Amerikas ebenso stark interessiert sind wie alle Staaten Europas. Denn die anarchische wirtschaftliche Lage Europas scheint mir im gegenwärtigen Zustand der modernen Welt ebenso schwere Nachteile für die Vereinigten Staaten wie für die hauptsächlich interessierten Länder Europas zu bieten, wie groß auch immer die Stärke der wirtschaftlichen und finanziellen Organisation Amerikas sein mag.“ Im September trug Briand seinen Plan der Völkerbundsversammlung vor und sprach von den „Vereinigten Staaten Europas“. Die Vertreter von zwei Dutzend europäischen Regierungen stimmten zu, der britische Außenminister Henderson enthielt sich der Stellungnahme, die Angelegenheit wurde einer Völkerbundskommission überwiesen.

Stresemann starb am 3. Oktober 1929, Briand am 7. März 1932, ohne daß je wieder von Europa die Rede war. Die Versuche Lavals, des Schülers und Nachfolgers Briands, die unmittelbare Verständigung mit Deutschland außerhalb des Völkerbundes in den Jahren 1931 und 1935 wieder aufzunehmen, kamen zu spät. Der Irrtum Briands war nicht mehr gutzumachen, der Irrtum, man könne Europa machen, ohne vorher die Verständigung mit Deutschland gemacht zu haben. Der gleiche Irrtum waltet heute. Keine europäische Kohle- und Stahl-Union, keine Europa-Armee können direkte deutsch-französische Verhandlungen ersetzen. Die wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit Europas werden erst durch eine Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland ermöglicht. Paul Bourdin