Die rückliegenden Wochen brachten den bisherigen niederländisch-deutschen Wirtschaftsgesprächen eine akzentuierte Fortsetzung, die die Hoffnung auf eine vernunftvolle Entwicklung der deutsch-niederländischen Wirtschaftsbeziehungen wachsen läßt. Mittelpunkt der neuerlichen Bemühungen war Köln, dessen Messe sich mit der Durchführung des „Deutsch-Holländischen Wirtschaftstages“ betont in den Dienst dieses Gesprächs gestellt hatte. Holland war dazu mit einem großen Aufgebot erster Experten aus Wirtschaft und Verwaltung erschienen, denen sich der Königlich Niederländische Botschafter, Exzellenz J. M. de Booy, mit seinem Stab anschloß. Und hier mußte sich die Bundesrepublik – auch nach unserer Ansicht mit Berechtigung – aus dem Munde von Prof. Dr. Albregts, Minister für Fragen der Produktionssteigerung der niederländischen Industrie, den Vorwurf machen lassen, daß die deutsche Liberalisierung auf dem Gebiete der Landwirtschaft kaum als fortschrittlich zu bezeichnen sei: „Die hohen deutschen Zollsätze können sehr leicht den guten Boden der deutschniederländischen Beziehungen gefährden, wie auch die Beschränkungen im Absatz holländischer Agrargüter die niederländische Aufnahme deutscher Industriewaren begrenzen müsse.“

Zu einem weiteren Treffen von Vertretern beider Länder hatte die Industrie- und Handelskammer Köln gemeinsam mit der Niederländischen Handelskammer für Deutschland gebeten, Hier fand große Anerkennung, daß holländische Banken deutschen Importeuren wieder die als Tredefina-Kredite bekannten Rohstoffkredite gewähren, wie Dr. C. A. Klaasse, Dir. der Amsterdamsche Bank, mitteilte. Als man aber Fragen der Rheinschiffahrt behandelte, warnte von deutscher Seite Dr. Geile sehr davor, diesen Wettbewerb mit autarkischen und diskriminierenden Maßnahmen zu führen und sagte: „Die Unterstützung des Hamburger Hafens darf nicht als eine deutsche, sondern als europäische Aufgabe angesehen werden.“

Höhepunkt der freundschaftlichen Gespräche bildete ein Treffen niederländischer und deutscher Industrieller in dem idyllisch gelegenen Hotel Schloß Auel bei Siegburg. Der Bundesverband der deutschen Industrie beantwortete damit eine Einladung, die im vergangenen Juni zu einer Reise einer deutschen Industriellendelegation nach den Niederlanden geführt hatte. Auch hier waren beide Seiten mit ihrem besten Aufgebot vertreten: Sprecher der niederländischen Delegation war Präsident T. J. Twinjnstra vom Verband niederländischer Arbeitgeber, während auf deutscher Seite Präsident Fritz Berg, Dr. Beutler, Dr. Hartmann, Dr. F. Eckhardt und Baurat Spennrath einer starken Abordnung vorstanden, zu der noch der deutsche Botschafter in Den Haag, Dumont, mit Vertretern des Bundeswirtschaftsministeriums kam. Man beschäftigte sich eingehend mit der holländischen Industrialisierungspolitik und den Gefahren, die sie für die Exportmöglichkeiten der westdeutschen Industrie nach den Niederlanden in sich birgt, zumal die Errichtung neuer Industrien in Holland mit besonderen Schutzmaßnahmen verbunden und der Aufbau der Aluminium-, Kunststoff-, Fahrradteile-, Maschinen- und Lkw-Industrie durch Marshall-Plan-Gelder erfolgt ist. Von deutscher Seite wurden diese Bemühungen sehr deutlich als Gefahr für die wirtschaftliche Integration Europas bezeichnet. Diesem Vorwurf wußten die Gäste nur wenig entgegenzusetzen: ihnen bereitet die überstürzte Industrialisierung selbst erhebliche Sorgen, schon aus finanziellen Gründen. Sie antworteten dafür auf anderem Gebiet: Eine Beibehaltung des westdeutschen Wertzolls auf Butter würde Holland zwingen, seine Butter in der Sowjetzone abzusetzen und dafür sowjetzonale Erzeugnisse zu kaufen, für die sich dann der bisherige Import aus der Bundesrepublik erübrigen würde. Das ist eine klare Rechnung, und man müßte meinen, daß die beantragte Butterzoll-Senkung vom Bundestag ernsthaft diskutiert werden sollte ...

Wir hoffen, daß diese Gespräche auch in Zukunft nicht abreißen und zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses und der Intensivierung des beiderseitigen Güteraustausches dienen. Uns scheint, daß ein Vorschlag, den Prof. Dr. J. H. Gelissen als Vorsitzender der Niederländischen Handelskammer für Deutschland auf einem Empfang der Stadt Köln machte, von beiden Seiten ernsthaft überlegt werden sollte: Prof. Dr. Gelissen setzte sich für die Bildung eines deutsch-holländischen Wirtschaftsrates mit paritätischer Besetzung ein. Es sollte versucht werden, so sagte er, die Ziele der OEEC regional zu verwirklichen. Willy Wenzke