Arthur Honegger zum 60. Geburtstag

Von Walter Abendroth

In dem weiten Bereich der modernen Musik, der erfüllt ist von dem Kampfgetümmel, der Eifersucht und dem Intrigenspiel der verschiedensten „Richtungen“, stehen einige wenige Gestalten aufrecht und in sich selbst gegründet da, als Zeugen echter schöpferischer Unabhängigkeit. Zu ihnen gehört Arthur Honegger, dessen 60. Geburtstag die musikalische Welt am 10. März feierte. Der in Le Havre geborene Sohn schweizerischer Eltern alten alemannischen Geblüts eignete sich sein künstlerisches Rüstzeug in Paris an. Die Leitsterne seiner Jugend waren aber vor allem Mozart und Beethoven, zu denen erst später, dann aber um so nachdrücklicher, Bach trat. Herkunft, Umwelt und Neigung wirkten zusammen, seinen geistigen Standort zu bestimmen, der auf dem Schnittpunkt französischer und deutscher Traditionen liegt.

Obwohl Honegger einmal dem absichtsvoll revolutionären Kreise der berühmten „Six“ angehörte, ist er seinem Wesen nach niemals ein Umstürzler aus Prinzip gewesen. Starke Schaffensimpulse entquellen ja nicht einem primären Willen zur Dekomposition, sondern, genau im Gegenteil, der Begabung zum organischen Bilden. So war es auch ein – verzeihliches – Mißverständnis, als jenes Werk, das den Namen Arthur Honegger einmal mit dem Beigeschmack billiger Sensationsmache behaften zu wollen schien, als vergröberte Wiederauferstehung oberflächlichster Programmusik hingenommen wurde. Zu diesem Werke hat der Komponist sich eindeutig geäußert: „Lokomotiven habe ich immer leidenschaftlich geliebt. Für mich sind sie lebendige Wesen, die ich verehre, wie andere Frauen oder Pferde lieben. Was ich in ‚Pacific‘ zu schildern versucht habe, ist nicht die Nachahmung der Geräusche der Lokomotive, sondern die Wiedergabe eines visuellen Eindrucks und eines physischen Wohlempfindens durch eine musikalische Konstruktion. Diese geht von der sachlichen Beobachtung aus: das ruhige Atmen der stillstehenden Maschine, die Anstrengung beim Anfahren, die allmähliche Steigerung der Geschwindigkeit bis zum lyrischen Zustand’, zum Gewaltig-Pathetischen eines Eisenbahnzuges, der mit seinem 300-Tonnen-Gewicht mit einer Stundengeschwindigkeit von 120 Kilometern durch die tiefe Nacht rast. Als Vorwurf wählte ich eine Lokomotive vom Typ ‚Pacific‘, Modell 231, für schwere Schnellzüge.“

In ähnlicher Weise will auch die „Rugby“-Komposition verstanden sein. Gleichviel, ob der Zeitgenosse Honegger seine Anregungen aus dem Mythos, der Legende, der Geschichte, der Technik oder dem Sport schöpft: immer ist ein geistiges oder psycho-physisches Erleben in seiner musikalischen Spiegelung eingefangen und zu einer künstlerischen Form geworden. Und das ist charakteristisch für diesen Musiker, dessen fein reagierendes Nervensystem wie ein Spinnengewebe zwischen Innen- und Außenwelt aufgehängt erscheint. Hier liegt auch das Geheimnis seiner Vielseitigkeit, seiner Universalität, die der ungesunden Spaltung der Tonkunst in sogenannte „ernste“ und sogenannte „Unterhaltungsmusik“ zum ersten Male seit den Tagen der ausgehenden Barockzeit entgegenwirkt. Denn Honeggers Arbeit reicht vom Oratorium, von der Symphonie und der Kammermusik bis zur Operette und zur Filmmusik. Nicht etwa in dem Sinne einer Unterscheidung von „seriöser“ und lukrativer Tätigkeit; sondern das eine so ernst genommen wie das andere. Hinter dieser Universalität – und das ist ja wohl immer für sie „conditio sine qua non“ – steht die in sich geschlossene Einheit eines ganzen Menschen. Ein solcher kann sowenig seiner Zeit fern sein wie er völlig in ihr aufzugehen vermag. Und so ist Honegger vielleicht derjenige berühmte Musiker unserer Gegenwart, dessen Geist den menschlichen Inhalt der Zeit mit seiner bedrängenden Fülle der Leiden, Fragen, Bedrohungen und Hoffnungen am stärksten in sich einsaugt und am unmittelbarsten wieder zurückstrahlt. Die Meisterschaft hat er mit anderen gemein; diese Kraft, in der menschlichen Situation der Zeit zu stehen, von ihr zu empfangen und ihr aufrichtende Werte zu geben, ist sein Eigenstes. Das gilt von der ganzen reichen Kette seiner Werke, vom „König David“ bis zur „Johanna auf dem Scheiterhaufen bis zum „Totentanz“, bis Selbst in Sprache und Aussage seiner Symphonik, die mit der 1951 entstandenen Fünften Symphonie (in die Dauer nur einer Viertelstunde komprimiert) ihren vorläufigen Abschluß fand.

Es ist kein Zufall, daß die Gestalt Arthur Honeggers den Ästhetikern einer gewissen „Moderne“ lange Kopfzerbrechen gemacht hat, da sie nicht wußten, wo sie ihn einrubrizieren sollten. Diese Ratlosigkeit ist immer ein Zeichen für originalen Charakter, für das Insichselbstberuhen der von einer schöpferischen Persönlichkeit umschlossenen Welt. Honegger ist einer jener musikalischen Fixsterne, die in keines der erdachten theoretischen Systeme einzuzwängen sind, sondern isoliert im unendlichen Raum stehen und ein eigenes Licht verbreiten.