Das Wesen der Ehe liegt in einer antifaschistisch-demokratischen Ordnung nicht allein in einem ehelichen Verkehr und in einem Leben des Mannes in Filzpantoffeln“, erklärte das Amtsgericht Potsdam und schied die Ehe des brandenburgischen Landesstaatsanwalts Jahnke aus dem Verschulden der Frau. In der Begründung würde zwar eingeräumt, daß Herr Jahnke und nicht Frau Jahnke die Ehe gebrochen habe, doch wurde das Amtsgericht Potsdam dadurch keineswegs in Verlegenheit gebracht: „Durch die bestehende Unterschiedlichkeit im ideologischen Niveau der Parteien (nämlich der Streitparteien im Gerichtssaal) trat der Kläger in ehewidrige Beziehungen zu seiner Kollegin, um sich in geistigen Anregungen weiterzubilden.“ Die Frau Jahnke habe eben durch ihre „weltanschaulich andere Einstellung“ unüberwindliche Widersprüche in die Ehe getragen. Bei allen Staatsfunktionären, besonders bei Marxisten, werde auch in der Ehe politische Bereitschaft verlangt.

Man sieht aus diesem Urteil, daß die Ostzonenregierung mit der reaktionären und bourgeoisen Einrichtung der Ehe Schluß zu machen und ihr den staatlichen Schutz, dessen sie bedarf, zu entziehen gedenkt. Denn wenn die Behauptung, es fehle an politischer Übereinstimmung, ja, an Übereinstimmung des „ideologischen Niveaus“, zur Ehescheidung genügt, dann ist eine sichere Bindung, wie sie die Ehe in erster Linie sein sollte, nicht mehr möglich. Die Zerrüttung einer Ehe, deren Beweis auf politische Differenzen gestützt werden kann, läßt sich ihrer Natur nach objektiv nicht feststellen, es wird dann, wie im Falle Jahnke, dem Gericht regelmäßig genügen müssen, daß ein Partner sie einfach behauptet. Das Gerichtsverfahren aber, das sich daran schließt, kann nur noch eine Farce sein. Denn die Feststellung des ganz einseitig erwiesenen „Tatbestandes“ wird keine andere Bedeutung haben als die Anzeige eines Ehepartners an die Verwaltungsbehörde, mit der man im ersten Jahrzehnt nach der kommunistischen Revolution in der Sowjetunion einer Ehe ein Ende machen konnte. Selbst dort hat man inzwischen eingesehen, daß man mit einer solchen Behandlung der Ehe durch den Staat nicht weiterkommt, und hat die Ehescheidungen wieder erschwert. In der SED-Zone glaubt man offenbar, sie zu einem Mittel der parteipolitischen Kontrolle, der Gleichschaltung der ungefügen Ehepartner durch die politisch „Zuverlässigen“ machen zu können. Erreichen aber wird man nur, daß scheidungslustige SED-Funktionäre das politische Argument als Scheidungsgrund mißbrauchen. Es wird sich der Damenflor auf den Empfängen der Herrn Pieck und Grote wohl verjüngen, und die jungen Damen werden dann die politische Toleranz ihrer Ehemänner finden, welche die SED gerade verhindern möchte. Der Haß der Bevölkerung gegen das Regime aber wird wachsen, sowie im Dritten Reich nichts mehr Zorn hervorgehen hat als das Verhalten des Staates und der daran haftende Mißbrauch charakterloser Ehegatten in der Frage der Mischehen. W. F.