Ich hatte nach Vlodorp eine Droschke nehmen müssen. Es war 6die einzige Möglichkeit, um noch rechtzeitig dorthin zu gelangen und – was wichtiger war – rechtzeitig wieder fortzukommen, denn am nächsten Morgen sollte ich für mein erstes großes Auftreten als Pianist eine Probe mit dem Philharmonischen Orchester haben. Ich hatte Jahre darauf hingearbeitet. Bartóks Klavierkonzert in dem großen Musiksaal mit einem solchen Orchester – das ist eine Chance, wie sie ein junger Pianist eigentlich nur einmal in seinem Leben erhält. Und wenn er diese Chance verfehlt...

Ich war. also keineswegs begeistert, als mein Studienfreund Hans Merker mich am Tage vorher dringend aus Vlodorp anrief: „Du mußt mir helfen“, rief er atemlos durchs Telefon. „Heute abend habe ich vor unserem Kunstkreis hier ein Violinkonzert zu geben; meine Schwester, die mich auf dem Flügel begleiten sollte, ist erkrankt. Der Doktor verbietet ihr zu spielen, und ich finde hier niemand, der mich begleiten kann. Wir haben doch früher all die Sonaten zusammen im Konservatorium gespielt, es macht dir doch gar keine Mühe...“

Er mußte es meiner Stimme angehört haben, daß ich nicht begeistert war.

„Du darfst es mir nicht abschlagen“, fuhr er fort. „Du nimmst den Zug nach Middelpard. Von dort geht alle zwei Stunden ein Autobus, und wenn kein Autobus da sein sollte, die Firma Borgward hat eine Droschke, die fährt dich für neun Gulden hierher. Nach dem Konzert kannst du bei uns übernachten.“

Da sah ich einen Ausweg. „Bester Hans“, sagte ich, „es tut mir entsetzlich leid, aber es ist unmöglich. Morgen abend muß ich hier mit dem Philharmonischen Orchester auftreten, du verstehst, was das für mich bedeutet. Deshalb kann ich heute abend unmöglich per Eisenbahn und Bus nach Vlodorp kommen, denn ich würde morgen früh ja auf keinen Fall rechtzeitig zur Probe mit dem Orchester zurück sein können. Es tut mir aufrichtig leid, aber du wirst dich nach einem anderen Begleiter umsehen müssen.“ „Es ist doch kein anderer da!“ sagte mein Freund Hans. „Meinst du denn, ich hätte dich sonst für so viel Geld interurban angerufen? Du bist nun einmal der einzige. Das Konzert da, das hindert dich doch nicht! Du läßt den Borgward heute abend einfach warten ...“ „Wen laß ich warten?“ „Den Borgward mit seiner Droschke. Der fährt dich nach dem Konzert wieder nach Middelpard zurück, dort nimmst du den Nachtexpreß und bist morgen früh um sechs Uhr wieder zu Hause. Laß mich um Gottes willen nicht im Stich! Ich hab’ mich all die Jahre bemüht, hier im Kunstkreis auftreten zu können, nun ist es mir endlich geglückt ... Ich muß das Konzert geben!“

Ich verstand, was Hans empfand. Andererseits hatte auch ich endlich meine Chance in der Residenz. „Also gut“, gab ich endlich nach, „ich nehme sofort den Zug und bin heute abend noch rechtzeitig zum Konzert bei dir.“

Und es gelang. Vor dem Bahnhof von Middelpard fand ich Borgwards Autovermietung. Borgwards Sohn würde mich nach Vlodorp fahren. Ja, er würde auch in Vlodorp warten, aber das kostete natürlich Geld: Einen viertel Gulden für alle fünf Minuten. Ich überschlug es schnell: Hin und zurück – zwei Stunden warten... Der Gesamtbetrag stand noch gerade im Rahmen des Geldes, das ich noch in meiner Tasche hatte. Aber eins wußte ich haargenau: Ich mußte Geld für die Rückfahrt haben, und ich mußte rechtzeitig zum Nachtexpreß wieder in Middelpard sein. Davon hing meine ganze Zukunft ab.