Bekenntnis zu Josef Weinheber. Erinnerungen seiner Freunde. Herausgegeben von Heinrich Zillich. Akademischer Gemeinschaftsverlag, Salzburg, 262 S., Leinen 9,20 DM.

Man mag es als peinlich empfinden, daß ein „Bekenntnis“ zu Weinheber überhaupt nötig ist. Aber zeitgenössische Urteile sind oft genug von Äußerlichkeiten abhängig. Weinheber selbst nennt seinen späten Ruhm ein „Mißverständnis“ der Zeit. Doch bliebe selbst beim Dichter ein Rest von Irrung (wie gut, daß die Rechnung eines starken Lebens nie aufgeht!), er wäre durch Weinhebers Tod mehr als getilgt.

Die „Erinnerungen“ von vierzig Männern und zwanzig Frauen geben ein kaleidoskopisches Bild einer kühn gemischten Persönlichkeit, die unversöhnliche Spannungen ihrer Natur samt dem überströmend gütigen Wiener Herzen in einer Passion von Verzweiflung, Trunkenheit, Humor und Stolz lebte. Neben manchem Belanglosen und Geschwätzigen stehen Aufzeichnungen von Gesprächen und Erlebnissen, die gültige Dokumente zur Erhellung von Weinhebers Werk und Gestalt darstellen. Dazwischen finden sich humorvolle Anekdoten, wie etwa jene nächtliche Begegnung mit einer „schiachen“ Baronin, deren Angriff auf seine Unschuld der Dichter mit Hilfe seines Lieblingsheiligen, des hl. Thaddäus, siegreich abschlägt. Ein tragikomisches Kabinettstück ist der Beitrag von Paul Alverdes „Die Geistesfürsten“. Unvergessen auch Weinhebers Reaktion auf Goebbels, als dieser während der Weimarer Dichtertagung 1939 fragt: „Was sollen wir tun, um die Kultur und Kunst in Österreich zu heben?“, und Weinheber antwortet: „In Ruah lassen, Herr Minister, in Ruah lassen“. Daß die von manchen als unangenehm empfundene „Eitelkeit“ des Dichters eine Selbstparodie „An den antiken Galimathias“ ermöglichte, mag den Tadlern immerhin zu denken geben.

Das so oft berufene „Zeitalter der Angst“ hätte einigen Anlaß, Weinheber einmal ernsthaft zu interpretieren. Denn die Substanz seines Werkes ist, wie er selbst bekennt, die „Urangst“ (also nicht der Minderwertigkeitskomplex des früh verwaisten „Sohnes eines Kellners und einer Dienstmagd“, des Roßfleischhauers und kleinen Postbeamten). Der Unterschied zu den schmalspurigen Existos des Nihilismus ist nur, daß Weinheber die seelischen und geistigen Möglichkeiten Europas schmerzlich durchexerzierte, um zuletzt zu dem zu kommen, was Gottfried Benn als das einzig Mögliche preist, zur Haltung des großen Punchers: „Schläge hinnehmen können, stehn, Feuerwasser in der Kehle gurgeln... dem Rausch begegnet sein, Sandalen am Krater lassen wie Empedokles und dann hinab ...“. Weinheber hat das wortwörtlich erfüllt, und dazu noch das andere, einzig Würdige, dem Nichts abgerungen und entgegengestellt: die Form, das Wort, höchste und letzte Magie des Menschen. Bei ihm ist es nicht die Form als kühne Konstruktion des individuellen Intellekts, sondern als Erbe des abendländischen Sprach- und Dichtergeistes, das er, wie keiner sonst mehr, ins Reine gerettet hat. Weinheber ist Bewahrung und Ende. Er wußte es selbst: „Ich bin mit meinem Gesicht nach rückwärts gewandt. Aber jener, der kommt, um nach vorn zu schauen, wird mich brauchen: er wird auf meinem Rücken stehen oder er wird nicht sein. Das wird mir alsbald den Ruf, die Marke eines Epigonen eintragen. Weil ja heute (1937!) alles falsch gesehen wird.“ Der tote Weinheber (er wäre jetzt sechzig Jahre alt) kann es sich leisten, falsch gesehen zu werden. Seine Herrschaft hat das Siegel der Dauer und ist unabhängig von der Konstellation der Parteien:

– Von höherer Macht zur Herrschaft eingesetzt,

besteh ich auf der Macht. Ich lebe fort.

Dort war es Nacht. Hier nicht. Hier ist das Wort.

Rudolf Ibel