Man benutzt kein schnelles Pferd mehr, um; von Ort zu Ort zu kommen. Der Motor regiert die Stunde. Aber gehört deshalb auch das Pferd selbst der Vergangenheit an, und wird man in Zukunft auf seine Dienste verzichten? Das ist eine Frage, die immer wieder gestellt wird. Und sogleich ist dann von der Vollblutzucht die Rede.

Noch immer gibt es Leute, die von der Vollblutzucht als einem Luxus spechen und deren Prüfungen, die Rennen, als das Vergnügen einiger weniger begüterter Menschen bezeichnen. Selbstverständlich ist das alles barer Unsinn. Deshalb war es ein guter Gedanke, daß kürzlich auf Einladung des Direktoriums für Vollblutzucht und Rennen einer der heute international bedeutendsten Fachmänner, der frühere preußische Oberlandstallmeister Dr. h. c. Gustav Rau, noch einmal das Wort ergriff und eine geschichtliche, wirtschaftliche und politische Begründung der Notwendigkeit der Vollblutzucht und des Rennsportes gab.

Unsere traditionelle Verpflichtung liegt, so führte Rau aus, in der Notwendigkeit, die Pferdezucht als den großen Vererber von „Stahl“ und Leistung für die anderen Pferdezuchten zu erhalten. Weiterhin bilden die Vollblutzucht und ihre Zuchtmethoden die unerläßlichen Wegweiser für jede andere Tierzucht. Denn die durch Jahrhunderte erfolgten Aufzeichnungen der Vererbung der einzelnen Individuen und ihrer Leistungen hat in ausschlaggebender Weise zu den Erkenntnissen der Vererbungslehre ganz allgemein beigetragen. Für jeden ernsthaften Erbforscher ist die Vollblutzucht mit ihrem riesigen Material einfach unentbehrlich.

Wirtschaftlich, so wies der ehemalige Oberlandstallmeister nach, beschäftigen Vollblutzucht und Rennen von jeher viele Kräfte, die auch künftig in einem blühenden Rennsport immer das Auskommen für ihre Existenz finden werden. Vor allem hatten wir einst auch eine sehr erhebliche Ausfuhr von Vollblutpferden, die dem Staat Devisen brachte. Es bedarf nur der notwendigen Anregung und richtiger Maßnahmen, um aufs neue die Möglichkeit für einen bedeutenden Absatz nach dem Auslande herzustellen. Selbst Sowjet-Rußland hat unsere Vollblüter früher gerne gekauft, wenn auch meist über andere Länder. Der Waldfrieder Hengst „Gregor“ hat sich in Rußland als der beste Vererber erwiesen. Es müßte das Ziel unserer Vollblutzucht sein, jedes Jahr mindestens einen unserer hervorragenden Hengste zu einem ansehnlichen Preise an das Ausland zu verkaufen. Gestüte wie Erlenhof, Schlenderhan und Waldfried dürften für diese Aufgabe am ehesten in Betracht kommen.

So wirkt es tatsächlich beschämend, wenn in Deutschland jetzt immer wieder darüber gesprochen und gestritten wird, ob man dieses Pferd der Pferde, diese Rasse der Rassen überhaupt noch nötig hat. Gustav Rau setzt diesem Unverstand mit Recht sein kategorischs „Das Vollblutpferd muß uns bleiben“, entgegen. W. K.