Die Übertragungen aus Nordamerika häufen sich auf unseren Büchertischen in einem Maße, das es willkommen erscheinen läßt, wenn uns aus den Staaten auch Meßbescheide einer bezeichnenden Literaturkritik erreichen. Nach den Werken selbst wäre nun das Urteil zu wägen, das sie drüben auslösten – mit besonderer Aufmerksamkeit dann, wenn es von einem Kritiker stammt, der sich wie ein Löwe dagegen wehrt, einer Verzauberung zu erliegen. James Gray ist solch ein Kritiker. Seine buchkritischen „Treffer“ hat neuerdings die Übersetzerin Paula Saatmann in unsere Lesescheuer eingebracht. Originaltitel: „On second thought“, deutsche Fassung „Halbgötter auf der literarischen Bühne“ (bei Kurt Desch, München; 288 S.).

Tag um Tag hat James Gray zwanzig Jahre lang vormittags ein Buch gelesen und zum Abend einen Artikel für die Literaturspalte verfaßt. Trotzdem haben seine Kritiken physiognomische Frische behalten. Man kommt leicht mit ihm ins Gespräch. In ein Gespräch freilich, das bedrohlich werden kann; denn in seinem Verlauf will allzu leicht der Respekt vor dem großen Werk schwinden. Dieser James Gray liebt weder die „bitteren kleinen Bücher und die verworrenen großen Lyrikbände der jungen Leute“, noch unterwirft er sich der von den „Göttern“ der Nobelstiftung „adoptierten“ Prominenz. Die „gegen die Dickfelligkeit des amerikanischen satten Behagens“ gerichtete Satire eines Sinclair Lewis hält er für fragwürdig, weil sie „kein Präzisionsinstrument sei. Der Riese, den Eugene O’Neill in seinen Dramen über die Bühne stapfen lasse, sei oft „plump und albern“. Einzig Pearl Buck habe „die Würde, die ästhetische Makellosigkeit, die wir bei einem Nobelpreisträger erwarten dürfen“. Als er das niederschrieb, ahnte Gray nicht, daß auch William Faulkner in Stockholm preisgekrönt werden sollte, für den er ebensowenig inkliniert wie für W. H. Auden oder Thornton Wilder, die er sogar nicht einmal nennt.

Während wir oft zu eifrig zwischen amerikanischer und englischer Gegenwartsliteratur trennen, betont Gray die angelsächsische Gemeinsamkeit. So widmet er nicht nurEdnaFerber und Louis Bromfield (unter der Devise „Das Verhängnis der Schablone“) ein eigenes Kapitel, sondern auch Aldous Huxley und Somerset Maugham. Robust geht er auf die „vier reichen Onkel“ Bennet und Galsworthy, Wells und Shaw los. Immerhin bemerkt er, über den letzten dieser vier: „Shaw war ein großer Menschenfreund, der frivole und zuweilen sogar grausame Dinge sagte, weil er seine große väterliche Liebe zu einem Geschlecht von Narren vor dem Fluch der Sentimentalität bewahren wollte.“ Ein Gegenstück dazu ist die Notiz über Thomas Wolfe:

ihm „fehlte die selbstlose Bescheidenheit, die bei vielen der feinsten schaffenden Geister rührend ist“.

Trotz der Mutwilligkeit seines literarischen Panoramas kann das Buch von Gray in vielen Stücken als Quelle der Orientierung dienen. Und als aufschlußreiches Zeugnis einer für Amerika typischen Spielart von Intelligenz, die ihre Scharfäugigkeit zum Selbstzweck zu machen versucht ist. H. G. Anders