Von Paul Hühnerfeld

Die Menschen im alten Europa sind kränker geworden. Zwei Weltkriege, die aufregenden Jahre dazwischen und danach haben es so weit gebracht, daß oft der ganz und gar Gesunde von seinen Mitmenschen als anormal angesehen wird. Zwar sind in unserem hygienischen Erdteil keine Seuchen ausgebrochen, wie die Pest in Korea; zwar hat die Medizin an den amerikanischen und europäischen Universitäten grade in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht: die Entdeckung der Ultrastrahlen als Heilmittel bei Krebs, das Penicillin bei Infektionen. Typisch für unsere Tage aber sind nicht Krebs und Infektionskrankheiten. Die Krankheiten von heute sehen auf den ersten Bilde harmlos aus: Kopfschmerzen, Müdigkeit, Ekzeme, Atemnot, Herzbeklemmungen, Angstzustände, Hautjucken ... Oft, wenn der Arzt ein Symptom beseitigt hat, kommt ein anderes wieder. Diese Patienten aber, nervöser, ungeduldiger als je, verlieren leicht das Vertrauen zum Arzt. Immer mehr Kranke drängen zum Heilpraktiker, zu Wundermännern, zu Scharlatanen ... In einer solchen Zeit aber werden jene Ärzte wichtig, die aus der dogmatischen Medizin herausragen und für sich – und alle anderen Ärzte – die kranken Menschen zurückerobern wollen. Es sind dies Männer, die es in der Schulmedizin zu hohen Würden gebracht haben und die die Grenze nun überschritten: nicht weil sie gegen die wissenschaftliche Medizin sind, sondern weil sie die Medizin erweitern wollen. Wir haben einige dieser Ärzte und ihre Patienten besucht. Ihre Arbeit zeigt, daß die so oft zitierte „Krise der Medizin“ überwunden werden kann.

Der Leidensweg des Vorarbeiters Bruno K. wurde zum erstenmal in der Praxis eines Hamburger Arztes notiert. Bruno K. hatte sich dort kurz nach acht Uhr eingefunden, denn eine Stunde später pflegte der Arzt wegen Überfüllung keine Patienten mehr anzunehmen. Gleich an der Tür empfing ihn die Sprechstundenhilfe, ein älteres Fräulein in grauer Schwesterntracht, und fragte nach seinen Beschwerden. K. antwortete, er habe seit mehreren Wochen Kopfschmerzen. „Manchmal ziehen sich die Schmerzen bis in den Rücken hinein“. Die Schwester nickte freundlich und deutete auf die zweite Tür links. Dort waren schon etwa zehn Patienten versammelt, die alle über ähnliche Beschwerden klagten wie Bruno. Auch in zwei weiteren Zimmern warteten Patienten: Magenkranke und akut Verletzte – also zum Beispiel Leute, die sich geschnitten oder verbrannt hatten, die gefallen waren. Hinter dem Sprechzimmer lag noch ein anderer, kleinerer Warteraum, der nur durch die Privaträume des Arztes zu erreichen war. Darin standen zwei Sessel, eine Couch und ein Tisch, auf dem ein Ganzleinenband „Das schöne Deutschland in Bildern“ lag. Das war das Wartezimmer für die Privatpatienten und solche, die nicht in die drei Warteräume einzuordnen waren.

Der Vorarbeiter. Bruno K., ausgerüstet mit einem Ortskrankenkassenschein, der dem Arzt das unwahrscheinliche Honorar von 3,20 DM verspricht – ganz gleich, ob ihn der Patient nun innerhalb eines Vierteljahres ein- oder zwanzigmal konsultiert – wurde schließlich in das Sprechzimmer vorgelassen. Der Arzt war freundlich, ruhig, aber kurz. Er fühlte den Puls, hörte ihn ab. Bald hatte Bruno K. das Rezept in den Händen.

In der nächsten Apotheke erstand er das Medikament. Es schadete ihm nichts,, es nützte aber auch nichts. Er ging zum zweitenmal zu seinem Arzt. Als er sich über die zwar freundliche, aber, wie er glaubte, zu kurze Behandlung vorsichtig beschwerte, fragte ihn der Arzt: „Wie kann ich mich länger mit den Patienten beschäftigen, da ich doch auf diese Weise schon vierzehn Stunden am Tage arbeite? Und dann die Nachtbesuche ... Bitte, sagen Sie selbst: Was kann ich denn mit Ihnen für insgesamt 3,20 DM noch anstellen? Und wissen Sie eigentlich, daß die meisten Patienten, die mit Ihnen drüben im Wartezimmer saßen, gar nicht krank sind? Es geht ihnen um eine Bescheinigung – um weiter nichts – damit sie ein oder zwei Tage nicht zum Dienst, nicht zur Arbeit zu gehen brauchen. Meist stelle ich die Bescheinigungen aus. Warum auch nicht? So schnell kann man nicht feststellen, ob jemand wirklich Kopfschmerzen hat oder nicht. Glauben Sie mir: ich tue, was ich kann, und wenn es zu wenig ist, so sind die Umstände daran schuld und nicht ich ...“

Der Patient Bruno K. fühlt, daß die Argumente des Arztes nicht falsch sind. Er fühlt aber auch, daß seine Kopf- und Rückenschmerzen nicht besser werden. Er sucht nacheinander noch zwei andere praktische Ärzte auf. Es ergeht ihm ähnlich. Die nächste Station sind die lieben Verwandten. Sie besinnen sich auf alte Hausmittel, und nun wird es eine Zeitlang besser. Bruno K. hat das Gefühl: es hat sich wenigstens jemand um mich gekümmert. Dann aber kehren die Kopf- und Rückenschmerzen wieder. Doppelt stark. Eines Tages aber trifft der Kranke einen alten Freund und er erzählt ihm ...

Heilkraft von Gott