Von Erika Müller

Jetzt kommt ein Wort, heißt ‚Parallelepipedon‘, wird einmal drüber gelacht und nicht wieder“, mit diesem Satz pflegte Studienrat B. seine Jungen in der Mathematikstunde bei der Stange zu halten. Von seinem Geist ist Film-Professor Nägler in dem „Haus von Montevideo“ erfüllt: ein Moralist und Hypokrit. Fünfzehn Wochen lang ist der Film, den Curt Goetz nach der „Toten Tante“ drehte, allein in Hamburg in einem einzigen Kino gelaufen. 135 000 Besucher haben ihn dort gesehen, und seit einiger Zeit wird er in vielen Hamburger Lichtspielhäusern nachgespielt. Fast ebenso groß ist der Erfolg in Berlin und Köln und anderen Städten. Ein harmlos-netter Unterhaltungsfilm ist der größte Erfolg seit Kriegsende geworden. Es ist ein Film ohne Supererotik wie die „Sünderin“, ohne Superaufwand wie der „Bunte Traum“. Ja, es ist nicht eigentlich ein Film, sondern verfilmtes Theater, und das im Bühnenstück noch zweideutige Haus in Montevideo ist ganz eindeutig eine moralische Anstalt für musikliebende junge Mädchen geworden. Der Kim ist lustig, aber nicht seicht. Er ist pikant, aber es gab pikantere Filme. Dieser Film appelliert ganz und gar nicht – wie die meisten bisherigen „Erfolgsfilme“ – an sentimentale Gefühle und Triebe, sondern an die Verständigkeit des Publikums, an die Verständigkeit den Realitäten gegenüber.

Der Erfolg des „Hauses in Montevideo“ also widerlegt klar und deutlich all jene Filmleute, die sich so gern auf den schlechten Geschmack des Publikums berufen. Er zeichnet sich durch Humor und Natürlichkeit und durch eine Hauptfigur aus, die weder Held noch Bösewicht ist, sondern ein liebenswert vertrottelter, scheußlich pedantischer, aber gutwilliger Mensch, der ständig damit beschäftigt ist, sich selbst zu überwinden. Ihm zur Seite die Mutter seiner zwölf brillentragenden, aber sonst gar nicht außergewöhnlichen Kinder, eine Durchschnitts-Hausfrau, ohne leuchtenden Verstand, doch mit natürlichem Charme und praktischem Instinkt. Jeder im Kino erhält humorvolle Lektionen über seine eigenen Unzulänglichkeiten und die Marotten der anderen, und alles ist so heiter und gar nicht verletzend serviert, daß sie unmittelbar die Herzen berühren. Der Durchschnittsmensch also sieht sich selbst, aber nicht wie er sein möchte, sondern wie er ist oder doch sein könnte.

Die Kernsätze von Professor Nägler „Moral kennt keine Ferien“ und „Moral hat nichts mit Logik zu tun“ zum Beispiel verwirren sich selbst in diesem moralischen Muster Mensch äußerst schnell durch eine Erbschaft, die ihm zuteil wird, durch das Geld der toten Tante. Sogleich beginnt der Professor, Fabeln zu erzählen vom Wolf, der mit dem Schäfchen spielen will, vom Hirten, der klüger und vorausschauender sein muß als seine Schäfchen, und vom Manne, der erst die Süßspeise aß und dann die Suppe „heiratete“. Denn die tote Tante, die einst wegen eines unehelichen Kindes von dem strengen Bruder nach Montevideo vertrieben wurde, hat sich im Testament durch eine Klausel, die ihr eigenes Schicksal wiederholen soll, gerächt und bringt die Familie, die gerade eine Tochter verheiraten will, in große Versuchung.

Viel von seinem überwältigenden Erfolg verdankt der Film der attackierenden Art von Goetz, die Pointen auszuspielen und die Gespräche anzuheizen. Er erregt damit auch heute noch jubelnde Freude, selbst wenn man sie fast auswendig kennt. Er hat so sprudelnde Einfälle, daß er sie oft wieder fallen läßt, ohne sie richtig anzuwenden. So darf man nur am Anfang einmal darüber lachen, daß ganz kleine Nägler-Kinder in Wagnerverehrung „Wotan“ und „Parsifal“ heißen, und dann nicht wieder. Aber manchmal ist er in diesem Film ganz wie zu Hause in dem engen Rahmen braver Bürgerlichkeit und breitet, offensichtlich im treuen Angedenken an seinen Professor die mimischen Übertreibungen gehörig aus, so daß die Harmlosigkeit eklatant wird.

Das Publikum aber lacht schallend und verläßt das Kino angefüllt mit heiterem Optimismus, der ansteckend wirkt und neue Besuchermassen hineinführt, die auch lachen wollen. Hier werden ihnen keine falschen Tränen abgepreßt, hier werden sie nicht künstlich in Erregung getrieben im alten Stil der Traumfabrik und nicht in Furcht in einem neuen Stil, der ihnen die Wahrheiten mit kalter Routine ins Gesicht schleudert. Sicher waren schon viele andere Filme vorher so sauber inszeniert, viel besser photographiert und überzeugender gespielt, denn Curt Goetz liebt zuweilen ausgewalzte mimische Kabinettstückchen und scheut nicht spitzfindige Konstruktionen, in diesem Fall sogar ausgetüftelte Schiffskonstruktionen, die um siebenundzwanzig Zentimeter zu kurz sind, damit die Handlung weitergeht. Aber er ist ein Zauberer, und die Rekordbesucher kümmern sich nicht um die Spitzfindigkeiten, sie strömen herbei, weil sie die Natürlichkeit dem Gestelzten, die Einfachheit der Raffinesse, den Humor der Angst und dem Grimm vorziehen. Und ganz im geheimen erlaubt ihnen der Film sogar, Gemüt zu haben und ein bißchen von der Gartenlaube zu träumen.

Die Filmleute, die den berechtigten Anlaß nicht versäumen, diesen großen Erfolg aus deutscher Produktion zu feiern und an die Theaterbesitzer symbolische Schlüssel zum Haus in Montevideo verteilen, sollten darüber nachdenklich werden, daß diesmal keine Sensation, kein Klamauk, sondern ein klug gebautes, abgerundetes Stück den größten Kassenerfolg brachte. Nicht, daß wir hier der Harmlosigkeit das Wort-reden wollten! Aber besser echte, humorige Harmlosigkeit als falsche Tränen- und Sensationenpracht! Das Publikum ist nicht so schlecht, wie manche Filmleute denken – das hat das „Haus in Montevideo“ in liebenswürdiger Deutlichkeit gezeigt.