Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Mitte März

Pastor Niemöller ist bald nach seiner Moskauer Reise wieder ins westliche Ausland gefahren. Von dort kommen neue Nachrichten über seine politisch akzentuierten Ansichten von Deutschland und seiner Politik. Doch während das hohe Gewicht seiner kirchlichen Funktionen ihn im kirchlichen Raum bisher immer vor Kritik oder gar Maßnahmen geschützt hat, meldete sich jetzt in Berlin eine geschlossene kirchliche Opposition gegen ihn zum Wort. Es ist der „Freie Konvent“, eine Vereinigung evangelischer Pfarrer, dem allein in der Berlin-Brandenburgischen Kirche mehr als 200 Geistliche angehören. Auf überfüllten Berliner Versammlungen dieses „Freien Konvents“ deutete Pfarrer D. Borngaesser aus Wiesbaden, also aus Niemöllers engstem Wirkungsbereich von heute, Person und Wirkung des hessischen Kirchenpräsidenten insbesondere als Gefahr für das Leben der evangelischen Kirche. Das Schwergewicht des kirchlichen Amtes, das Niemöller innehat, mache seine politischen Ansichten zu einem Sprengstoff für die gesamte kirchliche Organisation. Was Borngaesser von der kirchlich-theologischen Praxis her gegen Niemöllers durch keinen kirchenoffiziellen Einspruch gehinderte Tätigkeit sagte, ergänzte Professor Dr. Dilschneider, ein Berliner Theologe, durch eine Darstellung der organisatorischen Form der heutigen Kirche. Seine Angriffe richteten sich gegen eine autoritäre Lenkung der evangelischen Kirche durch den Bruderratsflügel der Bekennenden Kirche.

Dieser Bruderrat der Bekennenden Kirche wird von Niemöller geleitet, und sein Ansehen gerade in dieser aus der Hitlerzeit stammenden Pfarrer-Organisation resultiert dort aus der langjährigen KZ-Haft, die ihm seine Haltung im Dritten Reich eingebracht hatte. Der Bruderrat, der Bekennenden Kirche steht heute völlig unter dem Einfluß Niemöllers und seiner politischen Ansichten. Sein Geschäftsführer ist der Darmstädter Studentenpfarrer Mochalski, der seit langem der erste Kronzeuge der SED und der Sowjets für die antiwestliche Politik bestimmter Kreise in Westdeutschland ist. Das Jugendtreffen in Darmstadt, das Pfarrer Mochalski Anfang März aus allen Teilen Deutschlands organisiert hatte, galt der Mobilisierung der deutschen Jugend gegen einen Wehrbeitrag und der Erörterung von Maßnahmen, die gegen eine solche Politik ergriffen werden müßten.

Professor Dilschneider protestierte im Namen des „Freien Konvents“ gegen jene „Einheitspartei in der evangelischen Kirche“, die eine Art, Kabinettsregierung darstelle und das Mitbestimmungsrecht der Pfarrer außer Kraft gesetzt habe. Nach Dilschneiders Darlegung sind auch die Synoden, also die Parlamente der Kirchen, praktisch zu Instrumenten dieser Kirchenleitung gemacht worden. Bei Dilschneider heißt diese Art von Kirchenführung „orthodoxe Restauration“. Getroffen soll damit die bloße Weiterführung jener Gedanken werden, wie sie aus der vornehmlich politisch zu wertenden Opposition der Bekennenden Kirche während der Hitlerjahre in die heutige ganz andere Situation übernommen worden seien.

Die Pfarrer des Freien Konvents haben keine Forderungen gestellt, aber sie haben die Kirchenleitung wissen lassen, daß sie das Ärgernis, das Niemöller so vielfach schafft, nicht als eine private Angelegenheit Niemöllers ansehen, sondern daß Elemente, der Politisierung, wie sie Niemöller treibt, in der Struktur der heutigen evangelischen Kirchenleitung ihre Ursache haben. Der Protest gegen Niemöller und den im Theologischen und in der Kirchenorganisation nistenden Niemöllerismus kam aus Berlin und aus der Sowjetzone: Also von dem Teil Deutschlands, in dem politischer Neutralismus und Illusionismus keinen Platz haben.

In Berlin verweigerten die städtischen Behörden Dr. Heinemann und Frau Wessel die städtische Funkhalle, als sie in dieser Woche hier sprechen wollten. Wenn auch Heinemanns „Notgemeinschaft für den Frieden“ augenblicklich nicht unter Niemöllers Namen durch die Lande zieht, ist doch Dr. Heinemann der Präses der Generalsynode der evangelischen Kirche. Von ihr aber meint der „Freie Konvent“ der Berlin-Brandenburgischen Pfarrer, auch er stehe heute weitgehend unter jenem die kirchliche Einheit gefährdenden Einfluß des Niemöllerschen Bruderrats.

Wie sehr aber die Frage des Verteidigungsbeitrags die Kirche nötigt, aus dem Zwielicht von Niemöllers und Heinemanns Aktionen herauszutreten, dies beweist auch die Entschließung, die eine Reihe führender kirchlicher Persönlichkeiten zum Thema „Wehrbeitrag und christliches Gewissen“ an den Rat der evangelischen Kirche gerichtet haben. Darin werden die verschiedenen Auffassungen über die Frage der deutschen Wiedervereinigung, über die Bemühungen zur europäischen Einigung im Spiegel christlichprotestantischer Erwägungen analysiert und zu dem Resultat zusammengefaßt, daß der evangelische Christ ebensosehr die Machthaber vor Gewaltanwendung zu warnen wie Schutz und Verteidigung aller Werte zu übernehmen habe. Zehn Landesbischöfe, unter ihnen Bischof Lilje, Bischof Meiser, Bischof Wurm und Bischof Stählin haben diese Entschließung gezeichnet. Auch von ihnen gehören manche der Bekennenden Kirche an. Es scheint, daß die großen Fragen der Entscheidung innerhalb der Kirche jetzt mehr und mehr den Niemöller-Flügel isolieren.