Stuttgart, im März

Was man um die Jahrhundertwende noch allgemein und getrost als „Verwirrung der Gefühle“ bezeichnet hätte, ist heute ein neurotischer oder psychotischer Fall, dem man mit Elektro- oder Insulinschocktherapie, nötigenfalls mit einer Hirnoperation zu Leibe rücken kann. Die Verschiebung in dem System der menschlichen Reaktionen ist aber immer noch theaterwürdig geblieben und obendrein in verstärktem Maße filmwürdig geworden.

Es wäre die Aufgabe des Theater- oder auch Filmdramatikers, dieses Phänomen aus dem medizinischen Bereich glaubhaft wieder in den menschlichen zu rücken.

Fritz Rotter, früherer Berliner Songdichter und jetzt Drehbuchautor, Novellist (überdies Verfasser eines am Anfang des Krieges mit großem Erfolg in Amerika aufgeführten Stückes mit offen humaner und deutschfreundlicher Tendenz) hätte es leichter gehabt, sein Thema im Film zu bewältigen. Er hat eine andere Optik. Ererlaubt die sprachlosen menschlichen Entwicklungen aus einer dem Theater nicht möglichen Nähe zu sehen und auch jenen Grenzbezirk zwischen Medizinischem und Menschlichem glaubwürdiger zu zeigen. Aber Fritz Rotter ging es darum, sich in eigener Sprache von der Bühne her zu äußern, und so schrieb er das Stück „Christine“.

Christine ist die blutjung verstorbene Frau eines jungen Arztes. Ihre erste Tochter hat ihr das Leben gekostet und damit den Haß des Vaters auf sich geladen. Jahrelang lebt sie getrennt von ihm. Ihre unvermutete Rückkehr verwischt die Grenzen zwischen dem Bild der Mutter und ihr hoffnungslos, und ebenso hoffnungslos verwirren sich die Gefühle des Vaters. Der „Komplex“, daß man eine Frau unvergeßlich lieben muß, hat keinen Namen und ist zweifellos nicht sehr häufig. Den Arzt und Vater führt er in großen Schwankungen seiner Empfindungen für Lydia, die Tochter, in die klinische Behandlung (mit den zuverlässig neuesten Methoden). Die Tochter aber, bringt er nahezu um das Glück ihrer eigenen Liebe.

Wie kommt es, daß diese Begebenheit nicht erschüttert? Ist sie zu fest eingepackt in die optimistische Atmosphäre eines amerikanischen Upper-Ten-Haushalts, oder zu gut gegen das Tragische abgedichtet durch die medizinische Isolierschicht? Die bühnenmäßige Durchführung des Themas überzeugt nicht recht, trotz der gilt angelegten Figuren, trotz der Lebendigkeit und Frische der Dialoge. Die Regie (Trade Kolman) machte die dramaturgischen Lücken noch fühlbarer und riß im dritten Akt neue auf, in die das Publikum des Jungen Theaters in der Marquardt-Bühne verständnislos, hineinzufallen drohte. Im übrigen schwankte es ein wenig zwischen dem Zuleicht und Zuschwer dieses