Der Begriff Süden ist eine Frage der geographischen Relation. Der eine fährt aus Hamburg nach Wiesbaden und der andere nach Ischia. Heiße Quellen gibt es hier wie dort, und im Süden liegen sie alle beide. Aber Süddeutschland hat nun einmal milderes Klima und früheres Frühjahr als die norddeutsche Tiefebene, Baden-Baden zum Beispiel hat ungeachtet der Schneemassen auf den Höhen schon um den 20. Februar herum blühenden Krokus an der Lichtentaler Allee gemeldet. Es bedarf jedoch nicht dieses Alarmrufes der Natur, einschließlich schüchternem Vogelgezirps am Morgen, um die Heilbäder zur Eröffnung der Frühjahrssaison zu ermuntern.

In der Erdkunde- und Geschichtsstunde haben wir vernommen, daß bereits die alten Römer die oberrheinische Tiefebene entlang in den heilkräftigen Quellen plätscherten, die ihnen die Sonnenwärme der Heimat ersetzten. In den 2000 Jahren sind einige neue Krankheiten der Menschen dazugekommen oder wenigstens alte Leiden mit neuen Namen ausgestattet worden. Wenn man die Bäderprospekte durchforscht, stellt man mit einiger Überraschung fest, daß fast jeder Kurort für fast sämtliche. – Krankheiten zuständig ist; es scheint, als brauche man nur seinen landschaftlichen Neigungen zu folgen. Wenn wir das tun und uns von einer heimatgebundenen Südsehnsucht leiten lassen, geraten wir in die „himmlische Landschaft“ von Badenweiler, diesem mildesten, südlichsten, heitersten deutschen Bad am Abhang des Hochblauen, mit dem nie genug zu preisenden Blick von der Höhe des Kurparks auf die Rhein-Ebene. (Der Elsässer René Schickele, der hier sein Haus baute, hat das klassisch beschrieben.) Der Ort ist von wohltuender Übersehbarkeit, man ist mit zwei Schritten im Wald, im Rebland, in den Wiesen. Zedern, Mammutbäume, Trompetenblumen bringen das südliche Element in diese stille deutsche Landschaft. Natürlich gibt es Kurkonzerte, Sport, Kino, Tanz und die mondäne Zentrale des international berühmten Hotels Römerbad, aber die Idylle überwiegt. Man heilt hier Rheuma jeglicher Art, Gefäßerkrankungen, Krankheiten der Atmungsorgane (keine Tbc). Das Entzücken der Gäste ist das Thermalschwimmbad im Freien, dessen Temperatur vom frühen Frühjahr bis zum tiefen Herbst Freibaden erlaubt. Untere Pensionsgrenze 9 DM, obere 20 DM.

Baden-Baden, zwei Eisenbahnstunden weiter nördlich, ist für die gleichen Krankheiten zuständig, für Rheuma und Arthritis, Neuritis und Neuralgien und alle Krankheiten des Bewegungsapparates, Nachbehandlungen von Unfällen, Sportverletzungen, Kriegsschäden. Seine stattlichen Thermalbadehäuser stehen jetzt wieder in neuem Glanz, das Inhalatorium ist umgebaut, die Trinkhalle steht vor der Wiedereröffnung. Und bis auf zwei oder drei Häuser sind jetzt alle Hotels in der bisherigen Hauptstadt der französischen Zone wieder freigegeben, und das Vergnügungsprogramm der Saison vermag jeden Besucher auch ohne Kur vollauf zu beschäftigen. Es gibt über die vielen Sportmöglichkeiten hinaus hier ein ausgezeichnetes, baulich reizendes Theater und ein aktives und fortschrittliches Musikleben, an dem die Regsamkeit des Südwestfunkes entscheidenden Anteil hat. Die Ausdehnung der Stadt, deren Fremdenheime und Privathäuser sich bis hoch in die Wälder hinausschieben, verhindert nicht ihre immer wieder beglückende Naturnähe. Wer nicht grade auf der Schwarzwaldhochstraße spazieren will, einer Lieblingsstrecke der Automobilisten, die die Höhenkurorte miteinander verbindet, findet wenige Minuten vom Kurzentrum der Lichtentaler Allee gepflegte und gut markierte, aber fast menschenleere Wanderwege im wunderbaren Laub- und Nadelholzwald, der die Stadt von allen Seiten schützend umarmt. Anmerkung für Architekturliebhaber: man versäume nicht, das „andere Baden-Baden“ aufzusuchen, die steilen Gassen der Altstadt am rechten Oos-Ufer unter dem Neuen Schloß; man entdeckt Köstlichkeiten, die manchem Stammkurgast unbekannt geblieben sind. – Pensionspreise von 5 DM bis 40 DM.

Von Schwarzwaldplätzen, die für eine Frühjahrskur geeignet sind, sei noch das stille waldgeschützte St. Blasien genannt, das durch seine Lage und den starken Ozongehalt der Umgebung zu einem kleinen deutschen Davos geworden ist. Es ist der Erholungsplatz der Menschen mit angegriffenen und geschwächten Lungen. – Fast so, traditionsreich wie Baden-Baden ist Wldbad; seit 600 Jahren helfen seine Thermalquellen gegen Rheuma und Ischias, Gicht und Alterssrscheinungen. Auch hier einige mondäne Hotels neben vielen kleineren und bescheideneren. Auch hier Städtchen und Kurpark heiter von einem Waldflüßchen durchmurmelt, der Enz. Die gleichen unendlichen Wälder für Spazierfreudige, viel Tanz und Sport. Das Wichtigste: Heilerfolge für Schwerkranke, die vom Rollstuhl langsam zurückfinden in die eigene Bewegung. Unterstützung der Bäderwirkung durch die im Institut für Physiotherapie angewandte modernste Krankengymnastik. Am 2. Mai wird das lang geplante U-Bad eröffnet, die erste große Unterwasserbehandlungs-Anlage von Deutschland, kombiniert mit Frei- und Hallenthermalschwimmbad.

Aber nicht nur der Schwarzwald in „milden Süden“ eignet sich für Frühjahrskuren. Auch Bayern ist dafür gerüstet. Hier gibt es Badeorte mit sehr spezialisierten Heilanzeigen, Reichenhall vor allem, von den Römern her und früher noch als Zentrum der Salzgewinnung und des Salzhandels bekannt und erst vor rund hundert Jahren auf Grund seiner reichen Solegruben zum Heilbad avanciert. Es ist der führende deutsche Kurort für Asthma, Bronchitis und andere Erkrankungen der Atmungswege, die mit Thermalsolen, pneumatischen Kammern, Inhalatorien bekämpft werden; aber es ist auch wirksam bei Rachitis und Skrofulöse, und durch Saline, subalpine windgeschützte Lage, Bergsonneneinwirkung ohne allzu anstrengende Meereshöhe (470 m) für jede Art Rekonvaleszenz geeignet. Wer es noch ultravioletter haben will, kann in einer Viertelstunde mit der Schwebebahn auf den 1600 m hohen Predigtstuhl fahren. Ländlich und ruhig wohnt man. in den Außenkurbezirken Bayrisch Gmain, Nonn und Karlstein oder zentral nächst Kurpark, Bädern und Cafés im Städtchen selbst. Auch Reichenhall hat einige internationale Großhotels (das Axelmannstein ist ein Begriff wie Brenner oder Römerbad). Besonders reizvoll die Seen der nächsten Umgebung – der Thumsee ist ein ideales Bade-Salzburg Berchtesgaden einer vor der Tür, nach Salzburg oder man in einer Autobus-Stunde zu Konzert oder Jause. Pensionspreise zwischen 7 DM und 20 DM.

Ausgeprägten Charakter hat auch Bad Tölz, früh zu Wohlstand gelangt als Salzstapelplatz der „reichen Hall“, altbekannt als Jodbad. Hier geht man dem Bluthochdruck, den zentralen und peripheren Kreislaufstörungen, der angina pectoris, den innersekretorischen Störungen, zu Leibe, mit Bäder- und vor allem auch mit Trinkkuren. Tölz liegt 700 m hoch im oberen Isartal, es hat eine schöne, baulich und volkskundlich interessante Altstadt und ein großzügiges modernes Kurviertel. Die näheren Gipfel sind leicht zu ersteigen, die Omnibusse ermöglichen Halbtagsausflüge zu den berühmtesten bayrischen Schlössern und Seen. Pensionspreise 7 DM bis 14 DM, viele ärztlich geleitete Kurheime. – Als ältestes bayrisches Moorbad ist Aibling bekannt, das in einer typischen Vor-Alpen-Moorlandschaft liegt, und nicht nur bei Muskel- und Gelenkrheuma, Gicht und Ischias, sondern insbesondere bei Frauenleiden auf große Erfolge hinweisen kann. Es liegt zwischen Holzkirchen und Rosenheim, im lieblich beruhigenden Mangfalltal. Pensionspreis 5 DM bis 25 DM. – Die Liste der Voralpenbäder wäre unvollständig ohne einen Hinweis auf Wörishofen, Stammsitz des Pfarrers Kneipp. Man arbeitet dort wie anderwärts noch heute nach den von ihm gefundenen hydrotherapeutischen Grundsätzen, mit den natürlichen Hilfsmitteln von Luft und Wasser, mehr und mehr kombiniert mit den Lehren der modernen Diätheilkunde. – Etwas entrückt dem alpinen Bereich, geographisch der Rhön zugehörig, verwaltungsmäßig dem Regierungsbezirk Unterfranken liegt unweit Gemeinden Bad Kissingen an der fränkischen Saale, das deutsche und somit neuerdings konkurrenzlose Karlsbad. Hier werden, vor allem Leber und Galle, Darm und Magen geheilt; mit Trinckuren (sechs Quellen, Racoczy kennt jeder), dazu kohlensaure Sole- und, Sprudelbäder, und Moorbäder aus Rhönmoor. Kissingen hat außerordentlich vielseitige Badeeinrichtungen, eine Unzahl von Hotels, Gasthäusern und Fremdenheimen (Pension 8 DM bis 20 DM), neun Sanatorien,deren Namen zum Teil Weltgeltung haben, und darüber hinaus zählt der gewissenhafte Statistiker einige Dutzend Restaurants und Cafés. Ähnlich Baden-Baden ist Kissingen ein ausgesprochen eleganter Platz, mit viel Sport und Vergnügungsmöglichkeiten. Es wird gerühmt, daß man hier in sehr gepflegter Umgebung auf eine schonungsvolle und angenehme Weise gesunden kann. mmg