II. Beobachtungen und Erfahrungen in Indonesien

Von Hjalmar Schacht

Das indonesische Finanzministerium hat sich ausdrücklich auf die Vorschläge Dr. Hjalmar Schachts berufen, als es neuerdings bekanntgab, das sogenannte Zertifikationssystem sei abgeschafft worden. Dieses System legte für Ein- und Ausfuhren unterschiedliche Devisenkurse fest, verschaffte der Regierung Sondereinnahmen und wirkte sich drückend auf die Entwicklung des indonesischen Außenhandels aus. Zugleich hat das indonesische Finanzministerium eine drastische Kürzung der Importe von Luxusautos, Spirituosen und dergleichen verfügt. Man wird nicht irren, wenn man auch hierin ein Ergebnis der Schachtschen Vorschläge sieht, und man darf erwarten, daß andere Resultate folgen. Zu sehen, welche Ratschläge ein westlicher Finanz- und Wirtschaftsfachmann einem jungen Staat gibt – dies macht den besonderen Reiz des Schachtschen Indonesien-Gutachtens aus, das die „Zeit“ als einzige deutsche Zeitung auszugsweise veröffentlicht.

Die Lebenshaltung der indonesischen Bevölkerung ist sehr niedrig. Der Bedarf an den einfachsten Geräten für Haushalt, Wohnung, Kleidung und Verkehr ist außerordentlich groß. Die Befriedigung dieses Bedarfs und die Steigerung der Lebenshaltung kann zwar von der Regierung unterstützt werden, sie muß aber aus der Arbeit der Bevölkerung selber erwachsen. Aus allen Beobachtungen ergibt sich die Tatsache, daß die heutige Arbeitsleistung der Bevölkerung hinter der Leistung in der Kolonialzeit erheblich zurücksteht. Verbunden mit den gesteigerten Lohnforderungen der Arbeiter hat der Rückgang der Arbeitsleistung dazu geführt viele Pflanzungen unrentabel zu machen. Die Bevölkerung muß immer wieder darüber aufgeklärt werden, daß Unternehmungen, die keinen Überschuß abwerfen, zur Betriebseinstellung und damit zu Arbeiterentlassungen gezwungen werden, Die Bevölkerung muß sich ferner darüber klarwerden, daß zwischen Lohn und Leistung ein ursächlicher Zusammenhang besteht. Wo kein Überschuß erzielt wird, kann auch kein Überschuß verteilt werden. Wer mehr leistet, muß höher gelohnt werden als derjenige, der weniger leistet. Freiheit wird nicht geschenkt, sondern muß täglich verdient werden, im Krieg mit der Waffe, im Frieden mit der Arbeit von Kopf und Hand. Wer bessere Wohnung, Kleidung und Nahrung haben will, muß dafür arbeiten. Das ist der Inhalt jeden wirtschaftlichen Fortschritts des Landes. Wenn das reiche Amerika als Vorbild demokratischer Freiheit gilt, dann muß man sich auch die Arbeitsleistung Amerikas zum Vorbild nehmen, die diesen Reichtum geschaffen hat und damit die Freiheit sichert! So wird auch der Osten die zivilisatorische Gleichheit mit dem Westen nur dann erringen, wenn er sich diejenigen Tugenden zu eigen macht, die dem Westen bisher seine Vorrangstellung in der Welt ermöglicht haben. Dazu gehören Selbstzucht, Verantwortungsgefühl und Leistungswille. Die westliche Welt wird nicht von bloßer Gewinnsucht angetrieben. Sie hat ihre Stellung erobert aus der Freude an der Arbeit und an dem mit der Arbeit verbundenen Leistungserfolg. Sie weiß, daß Arbeit mit Verantwortungsgefühl für die Gemeinschaft verbunden ist.

Devisen, Devisen!

Die wirtschaftliche Beurteilung Indonesiens muß von dem Gesichtspunkt ausgehen, daß die Entwicklung dieses Landes zu einem technisch modernen Staat in jeder Hinsicht abhängig ist von dem Verhältnis zwischen Export und Import. Alle modernen Maschinen und industriellen Einrichtungen müssen eingeführt werden. Menge und Wert dieser Einfuhr sind abhängig von den ausländischen Zahlungsmitteln, die dafür aufgewendet werden können. Diese ausländischen Zahlungsmittel, diese Devisen, stammen aus Exporterlösen oder aus Anleihen und Krediten sowie aus den Investitionen von Ausländern. Hauptquelle zur Bezahlung der Importe bleiben die Export-Erlöse.

Es erhebt sich nun die Frage, was zuerst und am dringlichsten eingekauft werden soll, da der erzielte Exporterlös zu unbegrenzten Käufen nicht ausreicht. Es wäre eine Torheit, Luftkühlanlagen für Eisenbahnwagen einzukaufen, solange ein großer Teil der Bauern die Erde noch mit hölzernen Geräten bearbeitet. Es muß im Volke unfreundliche Empfindungen auslösen, wenn reichen Privatleuten die Einfuhr großer Luxusautomobile erlaubt wird. Die Sucht, den westlichen Komfort so rasch wie möglich ins Land zu bringen, muß eingedämmt werden zugunsten der besseren Versorgung der breiten Bevölkerungsmassen mit den für Haushalt und Wirtschaftsbetrieb dringend benötigten ausländischen Waren. Es ist deshalb notwendig, einen Planungsausschuß einzusetzen, der die Aufgabe hat, die Dringlichkeit der Importe festzustellen und dafür zu sorgen, daß zuerst und vordringlich solche industriellen Waren ins Land kommen, von denen eine möglichst rasche und wirksame Förderung der heimischen Produktion erwartet werden kann. Dabei wird wiederum jenen Einrichtungen, die der Exportsteigerung dienen, der Vorrang einzuräumen sein. Denn je größer der Exporterlös, um so größer kann der Import sein.