Zum erstenmal werden außerhalb Berlins, nämlich in Hannover in der Kestner-Gesellschaft, Bilder Alexander Camaros in einer Sonderausstellung gezeigt. Sie gibt einen Überblick über die Entwicklung des Künstlers, der im vergangenen Jahr den Kunstpreis der Stadt Berlin erhielt. Camaro, 1901 in Breslau geboren, war Schüler von Otto Müller, dem „Zigeuner-Müller“, und etwas von der legeren Grazie und der schwermütigen Lyrik, die das Werk seines Lehrers^auszeichnen, ist auch in seine Arbeiten übergegangen. Neben seinen malerischen Studien widmete er sich auch Bühnenversuchen, so unter anderem dem Tanz als Partner von Mary Wigman. Im Dritten Reich war ihm die Möglichkeit auszustellen, abgeschnitten. Er führte ein Wanderleben in Frankreich, Holland, Griechenland Erst nach dem Kriege begann seine eigentliche malerische Entwicklung.

1946 schuf er einen Zyklus von 18 Gemälden: „Das hölzerne Theater“. Windschiefe Logenbrüstungen, Bühnenöffnungen, dazwischen Verspannungen, Wandteile und in dieser nur angedeuteten. Umgebung ebenso schemenhafte Figuren. Alles mehr gefühlt als gekonnt, auch in der Farbe nicht klar mit vielen, oft branstigen bräunlichen Tönen. Nichts, von dem man sagen könnte, daß es durch eine Notwendigkeit in Form oder Ausdruck überzeugt. Und so ähnlich steht es mit fast allen Bildern jener ersten Jahre nach dem Kriege.

Offenbar hat dies der Künstler selbst empfunden. Er suchte einen neuen Weg, und um 1950 entdeckte er für sich eine kalte, sachliche Abstraktion mit ganz scharf umrissenen, mathematisch genauen Formen. Farben kommen nur noch wenige vor, schwarz, weiß, grau, blau. Die Themen: Zechen, Kohlenhalden, Industrie, Technik. Vermutlich war es für ihn um seiner Entwicklung willen notwendig, daß er sich diese puritanische Selbstbeschränkung auferlegte. Er gewann, was den früheren Bildern fehlte, Festigkeit im Aufbau. Aber er verlor jene zarte Stimmung, wie sie in dem Zyklus „Das hölzerne Theater“, wenn auch noch unbeholfen, zum Ausdruck kam. So können denn auch die Bilder dieses zweiten Entwicklungsabschnittes ob ihrer puritanischen Gewalttätigkeit den Betrachter nicht überzeugen.

Dan aber, vor wenig mehr als einem Jahr, ändert sich der Stil abermals. Die Farbe wird blühend, ja liebenswürdig, wie sie nie zuvor gewesen ist, und die Abstrahierung in der Form geschieht um des Ausdruckes willen, nicht, um nur einen in sich interessanten, also toten Umriß zu schaffen. Nein, diese Abstraktionen sind gesteigerte Wirklichkeit. Da ist ein „Turm an See“, grau-blauer Himmel, grüne Fläche des Wassers und, den weißen Turm, See und Himmel gleichmäßig überschneidend, in schrägen einfachen Strichen gelbes Reet. Die ganze Stimmung eines Seeufers mit allem Duft der Atmosphäre ist hier eingefangen und in schöne Malerei transponiert. Und da ist auch ein Bild, das uns das beste der Ausstellung zu sein scheint: „Verschneites Mühlrad.“ Nur ein Teil des Rades mit der Achse ist in schwarzer Zeichnung dargestellt und ein kleines Stückchen Dach von der Mühle. Im übrigen ist das Bild aufgeteilt in sehr langgezogene schmale Dreiecke und Rhomben, in denen nun die Farbe wechselt und sich gegenseitig steigert von gedämpftem Weiß bis zum hellsten Blau. Auch hier ist die Farbgebung sparsam, doch die Abstufung unendlich reich. Und wie dient dies alles dem Ausdruck! Da ist wirklich heller, klirrender Frost auf der Leinwand und die Stille des vereisten Baches und das Flockengewimmel des Schnees.

Es ist der Vorzug von Sonderausstellungen, daß sie meist die Möglichkeit geben, einen Überblick über die Entwicklung eines Künstlers zu erhalten und damit ein Urteil über den Ernst seines Schaffens. Bei Camaro vollzog sich die überraschende Entwicklung, die wir skizziert haben, in der kurzen Zeit von sechs Jahren. Das ist gewiß ein schönes Zeichen für eine besondere Begabung.. Doch soll nicht verschwiegen werden, daß es für ihn die Gefahr des Verspieltseins gibt, wie eines seiner neuen Bilder „Reiterstandbild“ deutlich zeigt. Vor dieser Gefahr sei er gewarnt. Martin Rabe