Im Jahr 1896 kommt es in Petrograd zu einem Streik der Textilarbeiter. Die Ochrana stößt bei der Suche nach den Drahtziehern auf die bildhübsche damals 24jährige Tochter eines Generals: Alexandra Michailowna, die später als Frau Kollontai bekanntgeworden ist. Das ist peinlich, denn der Vater der jungen Revolutionärin ist Generaladjutant des Zaren. Es gibt einen Skandal und die Generalstochter geht ins Ausland. Aber nur, um trotz elterlicher Ermahnungen dort den engsten Kontakt mit den führenden Kreisen der Revolutionäre aufzunehmen, die ihre Fäden nach Rußland spinnen. Sie lernt Plechanow und Lenin kennen und schließt sich der Sozialdemokratischen Partei an. Als es zur Spaltung kommt, hält sich Alexandra zunächst abseits. Später geht sie mit den Menschewiken, wie es lange Zeit auch Trotzki tat, bis sie sich 1915 den Bolschewiki anschließt.

Das junge Mädchen gehört zu dem Teil der russischen Jugend jener Tage, der aus einem überschwenglichen Enthusiasmus heraus glaubt, nach den Sternen greifen und die Welt von Grund auf erneuern zu können. Alexandra beschäftigt sich mit Sprachen und Staatswissenschaften und spezialisiert sich auf die Frauenrechtsfrage. Sie kämpft für die Auflösung der „bürgerlich-dekadenten Institution“ der Ehe. Bald gewinnt sie einen Namen als Journalistin und glänzende Rednerin. Es ist der Beginn eines Aufstiegs, der sie zur „Pompadour“ der bolschewistischen Revolution machen und ihr eine bedeutsame Karriere bescheren wird.

1917 kommt das Aufbruchsignal. Alexandra wird Mitglied des Vollzugsausschusses des Petrograder Sowjets – sie sitzt also im Zentrum der Revolution. Vorübergehend ist sie Volkskommissar für das Wohlfahrtswesen. Damals kommt es zur romantischen Episode ihres Lebens. In erster Ehe mit einem Millionär und Großgrundbesitzer verheiratet, verliebt sich die 45jährige jetzt in den schwarzbärtigen, riesigen Matrosen Dybenko, der beim Aufstand der baltischen Flotte eine führende Rolle spielt und später zum ersten politischen Kommissar der Roten Flotte ernannt wird. Das Paar verbringt die Flitterwochen auf der Krim und erweckt den Zorn vieler Mitglieder des bolschewistischen Zentralkomitees, die kurzerhand fordern, beide wegen Desertion zu erschießen. Lenin glättet den Sturm mit dem salomonischen Spruch: nicht erschießen, aber dazu verurteilen, daß sie sich fünf Jahre treu bleiben müssen. Es gibt ein Riesengelächter, als die Propagandistin der freien Liebe mit ihrem Hünen auf diese Weise „amnestiert“ zurückkehrt. Aber trotz oder auch wegen dieser Episode wird das Paar in den zwanziger Jahren zum Idol der hungernden, kämpfenden bolschewistischen jungen Generation Rußlands. Wenig später läßt sich Frau Kollontai jedoch von Dybenko scheiden. Der Mann, den sie liebte, wird 1938 als Trotzkist erschossen.

Die Sowjetregierung schickt Madame Kollontai 1923 als Gesandte nach Oslo. Tumult in der Welt der Diplomaten: zum erstenmal taucht eine Frau in diesen Kreisen auf, und dazu eine Bolschewikin. Wer aber erwartet hatte, eine zügellose Revolutionärin in die Etikette einbrechen zu sehen, wird enttäuscht. Alexandra Kollontai beherrscht nicht nur glänzend die Umgangsformen jenes Bereichs der Fräcke und kultivierten Worte. Die erste Volldiplomatin der Welt erweist sich auch für ihren Beruf als durchaus geeignet. Es gelingt ihr, die norwegische Regierung zur de jure-Anerkennung der Sowjetunion zu veranlassen und einen Handelsvertrag zu schließen.

Nach einem kurzen Zwischenspiel in Mexiko geht sie wieder nach Oslo und anschließend als Gesandte nach Stockholm. In den folgenden Jahren greift sie zweimal – 1940 und 1944 – entscheidend in die Verhandlungen über die Friedensschlüsse Finnlands mit der Sowjetunion ein. Sie wird von führenden Schweden und Finnen 1946 für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen, der ihr jedoch nicht zugesprochen wird. Schon 1943 hat Stalin sie in den Botschafterrang erhoben. Mehrfach wird sie von ausländischen Regierungen ausgezeichnet. Das breite Band des Ordens des heiligen Olaf, den ihr die norwegische Regierung verleiht, schmückt die nun altgewordene Revolutionärin ebenso wie der mexikanische Orden vom aztekischen Adler erster Klasse.

1945 zieht sich Frau Kollontai aus der aktiven Politik zurück. Auf ihrem Landsitz bei Moskau ist sie am 9. März 1952 gestorben. Von den Auffassungen, die sie als Frauenrechtlerin in ihren zahlreichen Büchern vertreten hat, ist im sowjetischen Funktionärstaat nicht viel übriggeblieben. Ein plüschmöbliger, moralinsaurer. Geist durchweht die neue sowjetische Gesellschaft, und Stalin hat längst dekretiert, daß nicht freie Liebe gilt, sondern Kinderkriegen der Zweck einer kommunistischen Ehe ist. Frau Kollontai hat den Sturz ihrer revolutionären Jugendideen hingenommen, ohne selbst mit dem Regime in Konflikt zu kommen. Sie war Diplomatin.

Joachim Schwelien