Von unserem englischenKorrespondenten

E., London, Mitte März

Die Revolte von 57 Labourabgeordneten gegen die eigene Parteileitung ist ein schwerwiegendes Ereignis für das ganze politische Leben Englands, obschon die Gegensätze vorläufig überdeckt worden sind. Der unmittelbare Anlaß, der Meinungsgegensatz zwischen dem Linksflügel und dem Gros der Partei über die Rüstungsfrage, ist an sich ernst genug. Aneurin Bevan, der feurige Volksdemagoge, hat den milden Attlee zum Kampf um die Führerstelle herausgefordert. Es ist nicht anzunehmen, daß der schlau berechnende walisische Fuchs sich jetzt so weit vorgewagt hätte, wenn er sich davon nicht einen vollen Erfolg oder wenigstens eine bedeutende Förderung seines Ehrgeizes versprochen hätte. Eine gewisse Radikalisierung der Partei nach ihrer Befreiung von der Regierungsverantwortung war als psychologische Reaktion und aus taktischen Gründen auf alle Fälle zu erwarten gewesen. Bevan und seine Freunde aber wollen sie viel weiter treiben, als mit dem Ruf einer besonnenen nichtmarxistischen Arbeiterbewegung, deren Mäßigung seit Jahrzehnten allen nichtkommunistischen Sozialisten ein Vorbild war, vereinbar wäre.

Aneurin Bevan stand zwar noch nie im Verdacht, ein kommunistischer Mitläufer zu sein; doch ist er klassenkämpferisch eingestellt wie kein anderer Führer der englischen Arbeiterbewegung, und daß er viel aus der marxistischen Bibel schöpft, ist nicht zu bezweifeln. Ein dynamischer self-made man von scharfer Intelligenz und großer Rednergabe, begegnet er, Gift und Galle speiend, der ganzen Welt mit dem gleichen Mißtrauen, das er überall gegen sich selbst weckt. Mit etwas mehr Geduld und stabilerer Urteilskraft wäre ihm das Erbe der Parteiführerschaft wohl schon lange in den Schoß gefallen, da Attlee sichtlich nur faute de mieux als Lückenbüßer dient. Quecksilbernes Temperament und intellektuelle Arroganz sind Bevans ärgste Feinde. Er begreift dies nicht, und das erfüllt ihn um so mehr mit Haß. Attlee und die ganze Hierarchie der englischen Arbeiterbewegung haben Grund, seine Kampfansage ernst zu nehmen.

Er meuterte schon vor Jahresfrist, als er zusammen mit Harold Wilson und Freeman zum Protest gegen die vorsichtige Budgetpolitik Gaitskells von der Regierung zurücktrat. Er wollte auch nicht den geringsten Übergriff auf das trügerische und verschwenderische Prinzip der Unentgeltlichkeit im nationalen Gesundheitsdienst zugunsten der Finanzierung des Rüstungsprogramms dulden. Doch verhielt er sich zunächst noch ruhig im Hintergrund. Die plötzliche Ausschreibung der Gesamterneuerungswahlen kurz vor dem Parteitag machte einen weiteren Aufschub der Auseinandersetzung unumgänglich, wenn sich Bevan nicht dem Vorwurf aussetzen wollte, die Parteieintracht im Augenblick\ der Wahlen torpediert zu haben. Heute noch fragt man sich, ob Attlee sich zur Durchkreuzung der Absichten Bevans im September zu den verfrühten Wahlen entschloß oder hinsichtlich der rapid sich vertiefenden Finanzkrisis. Wahrscheinlich hatte er beide Motive vor Augen.

Bevans neuer Vorstoß im Zusammenhang mit dem Rüstungsprogramm war daher nicht überraschend; wohl aber seine Vehemenz, die nur der Absicht entspringen kann, eine Endentscheidung zu erzwingen. Das Leibblatt des turbulenten Demagogen erklärt, es sei an der Zeit, „dem Scheinkrieg“ der offiziellen Parteileitung gegen die reaktionäre Politik der konservativen Regierung ein Ende zu setzen. In Wirklichkeit will Bevan den Scheinfrieden im eigenen Parteilager beenden, um die Zügel an sich zu reißen. Es ist keine Kleinigkeit für Labourabgeordnete, sich der Parteidisziplin offen zu widersetzen. Sie riskieren sofortige Ausstoßung oder wenigstens den Entzug der Parteiunterstützung bei den nächsten Wahlen. Sie sind auch der bitteren Verachtung alter Freunde gewiß. Daß es Bevan gleich auf 57 Anhänger brachte, übertrifft daher wohl die schlimmsten Befürchtungen Attlees.

Zwar ist der Streit im Augenblick noch einmal vertagt worden, indem sich die Labourfraktion in einer Sondersitzung auf die Wiedereinführung einer strengeren Disziplin einigte, ohne von Bevan und seiner Gefolgschaft ein Reue-Bekenntnis oder gar Abbitte zu verlangen. Aus der Demütigung der Unbotmäßigen, nach der im Transport Home wutschnaubend verlangt worden war, ist nichts geworden, auch in der Sondersitzung der Exekutive der Landespartei nicht. Bevan paradiert seinen geschwollenen Hahnenkamm ungebeugten Hauptes weiter. Er hat kein Wort zurückgenommen, kein besänftigendes Wort hinzugefügt. Kurz Attlee, Morrison und Morgan Phillips haben im Effekt den kürzeren gezogen.