Präsient Truman hat 7,9 Milliarden Dollar, dasist mehr als das deutsche Steueraufkommen eines ganzen Jahres, vom Kongreß für die Auslandshilfe gefordert, die von jetzt an hauptsächlich eine Rüstungshilfe für Westeuropa sein soll. Im letzten Jahre hatte der Kongreß 7,3 Milliarden für Auslandshilfe genehmigt, in den vorangegangenen Jahren hatten die USA den europäischen Ländern die hohen Summen der Marshall-Gelder gegeben. So fließt ein ständiger Strom von Dollarmilliarden vom Westen her über den Atlantik. Hätte nach dem ersten Weltkrieg ein amerikanischer Präsident solche Forderungen an den Kongreß gestellt, so wäre er für verrückt erklärt worden. Daß sie heute möglich sind und vom Kongreß nolens volens immer wieder bewilligt werden, zeigt tiefgehende Veränderungen an, die in den letzten 25 Jahren vor sich gegangen sind.

Man neigt dazu, dies alles nur unter der Perspektive der sowjetischen Bedrohung und der technischen Entwicklung, besonders auf dem Gebiete der Kriegführung zu sehen. Das ist auch die hauptsächliche Begründung, die Truman für die Auslandshilfe in seiner Kongreßbotschaft gegeben hat. Amerika würde an seinen eigenen Küsten gefährdet sein, sagte er, wenn es seine Bundesgenossen, seine Stützpunkte und die Rohstoffe verlöre, die es für seine Rüstung braucht. Aber selbst so starke Argumente müßten nutzlos bleiben, wären nicht fundamentale Änderungen in der Struktur des Staates und der Wirtschaft vor sich gegangen. Der amerikanische Staat wäre vor 25 Jahren zur Leistung solcher Beträge, ob man sie absolut oder relativ zum Sozialprodukt nimmt, weder finanziell noch politisch imstande gewesen, und ebensowenig hätten die Empfangsländer sie zu verdauen vermocht, ohne ihrerseits in einen Prozeß der politischen, wirtschaftlichen und soziologischen Strukturwandlung zu geraten. Erst der moderne Staat, wie er sich seither entwickelt hat, der zu unserem Entsetzen 25 und 35, demnächst vielleicht 40 und 45 v. H. des Volkseinkommens für sich in Anspruch nimmt, bringt es fertig, mit solchen Summen umzugehen. Das ist eben ein ganz anderer, ein qualitativ anderer Staat als der frühere. Und diese Andersartigkeit wirkt sich nicht nur in einem sich fortwährend ändernden Verhältnis zwischen Staat und Individuum aus, sondern bestimmt auch mehr und mehr das Verhältnis und die Zusammenarbeit der Staaten untereinander. Die Milliarden, die die Amerikaner nach dem Zweiten Weltkrieg so großzügig nach Europa schickten, zuerst als caritative, dann als ökonomische und jetzt als militärische Hilfe, sind kennzeichnend dafür.

Die USA, die im 19. Jahrhundert ein Schuldnerland waren, gingen etwa im Ersten Weltkrieg in die Position eines Gläubigerlandes über. Die Zerstörungen des europäischen Krieges und die Gewinne der amerikanischen Industrie aus Kriegslieferungen mögen dazu beigetragen haben. Doch wäre dasselbe Ergebnis zweifellos auch ohne Krieg eingetreten, bedenkt man nur diegroße Energie, mit der in den USA investiert wurde, während gleichzeitig die beiden großen Gläubigerländer der damaligen Zeit, nämlich England und Frankreich, schon eine gewisse Investitionsmüdigkeit zeigten, jedenfalls den Ausbau ihrer Produktion nicht mit allen Kräften fortsetzten. Aber wie dem auch sei, amerikanische Banken und mit ihnen das amerikanische Publikum begannen in den zwanziger Jahren die wachsenden Überschüsse der amerikanischen Zahlungsbilanz großzügig im Ausland, besonders auch in Deutschland anzulegen. Deshalb reden die Sowjets, die damals nichts abbekamen, heute noch vom „Wallstreet-Imperialismus“, obwohl die weitere Entwicklung dieses Schlagwort längst Lügen strafte. Denn die „Wallstreet-Imperialisten“ vermochten auf die Regierungen der Länder, in denen sie ihre Gelder, angelegt hatten, keinen Einfluß zu gewinnen, ja nicht einmal durchzusetzen, daß der Zinsen- und Amortisationsdienst aufrechterhalten wurde, als anfangs der dreißiger Jahre die Krise kam: Amerika mußte einen großen Teil seiner kommerziellen mitsamt den politischen Forderungen, nämlich den Kriegsschulden seiner Alliierten, abschreiben. Das lag nicht am bösen Willen der Schuldner, sondern daran, daß Auslandsschulden nur in Waren und Diensten zurückgezahlt werden können, daß aber der schnelle Aufbau der USA-Produktion und ihrer Leistungsfähigkeit die Entgegennahme dieser Waren und Dienste überflüssig machte, die überdies durch Schutzzölle erschwert wurde. Der mehrjährigen Krisenperiode, die sich daran schloß und von der die USA selbst sehr ernstlich betroffen wurden, entzogen sie sich erst allmählich, indem sie Aufgaben, die die freie Wirtschaft nicht mehr zu erfüllen vermochte, auf den Staat übernahmen, also durch die Politik, die Roosevelt den New Deal nannte.

Als der Zweite Weltkrieg in einer ähnlichen Konstellation ausbrach wie der erste, zeigten Banken und Publikum in Amerika wenig Lust, sich auf Kreditoperationen zugunsten der Verbündeten einzulassen, die in den Jahren zuvor ihre Schulden nicht bezahlt hatten. In diesem Augenblick kam Roosevelt – und hier erkennt man deutlich die Bedeutung dessen, was wir die Änderung der Struktur von Staat und Wirtschaft genannt haben – mit seinem Pacht- und Leihprogramm heraus: Der Staat selbst gab jetzt, mehr oder minder à fonds perdu,den Alliierten die von ihnen benötigten Kredite. Das heißt, er nahm den Banken, dem Publikum, kurz „den Kapitalisten“, die den Verbündeten keine Kredite mehr geben wollten, ihr Geld in Form von Steuern und Staatsanleihen ab und finanzierte nunmehr selbst, was zu finanzieren sie verweigert hatten. Auf diese Weise hat, bereits im Kriege, die Strukturänderung des Staates zu einer Strukturänderung der internationalen finanziellen Beziehungen geführt.

Dabei ist es auch nach dem Kriege geblieben. Der private Kredit ist auf internationalem Boden in großem Stil nicht mehr in Gang gekommen –, sei es wegen des überhöhten politischen Risikos, sei es, weil die allgemeine Politik des billigen Geldes die Berücksichtigung des Risikos in den Zinssätzen nicht gestattet, sei es schließlich, weil die moderne Steuerpolitik die Kapitalbildung in den risikofreudigeren Schichten zu sehr eingeengt hat Da aber das Gefälle der Produktivität zwischen den USA und der übrigen Welt sich im und nach dem Kriege weiter vergröbert hat – im Wirtschaftsprozeß haben sowohl die Gewinne wie die Verluste stets die Tendenz zur Kummulierung –, so ist das Problem, durch Lieferung von Waren und Leistungen die Dollars von Amerika zu bekommen, mit denen allein die europäischen Länder die benötigten Lebensmittel und Rohstoffe erlangen können, größer als je. Diese Dollarknappheit, die längst ein Schlagwort geworden ist, gefährdet seit dem Kriege die wegen der europäischen Rohstoffarmut vitale Importfähigkeit der Europäer und gleichzeitig die Exportfähigkeit der Amerikaner, was nur zwei Seiten einer und derselben Sache sind. Dabei ist freilich völlig klar, daß die Importfähigkeit für Europa viel mehr bedeutet als die Exportfähigkeit der nahezu autarken Amerikaner, die überdies auch anderswo Abnehmer finden könnten. Sie würden allerdings dann diesen Abnehmern die gleiche finanzielle Hilfe geben müssen, die sie heute den Europäern geben.

Hier wird die Bedeutung, welche, beim heutigen Stand der Weltwirtschaft, die amerikanische Auslandshilfe hat, deutlich. Sie ist angeregt durch die sowjetische Bedrohung, und sie dient deren Abwehr, aber ihr Ergebnis ist außerdem, daß eine ArtBalance in den weltwirtschaftlichen Beziehungen hergestellt wird. Dafür sollte man der Politik Trumans, die in dieser Hinsicht eine wahrhaft moderne und vorurteilslose Politik ist, besonderen Kredit einräumen. W. Fredericia