In der Kunsthalle der Stadt Mannheim wurde eine Ausstellung „Die gute Industrieform“ eröffnet, die vielfältige Antworten auf die Fragen gibt: Wie sollen wir wohnen? Wie sollen die Gebrauchsgegenstände unseres modernen Alltags aussehen? Gibt es neue ästhetische Formen unserer technischen Geräte? – Man kann diese Mainheimer Schau als die erste deutsche Reaktion auf die vorjährige „Triennale“ in Mailand ansehen, die einen internationalen Überblick über die Entwicklung neuer Formen gab. Auch deutsche Aussteller waren damals beteiligt. Sie schnitten nicht gut ab; nein, sie enttäuschten. Lag es an mangelnder Auswahl? Oder begründete sich die in Mailand geoffenbarte „deutsche Langeweile“ darauf, daß die Künstler als Anreger oder Berater der Industrie nicht gebührend gehört werden? Fest steht, daß eine neue Bemühung um die Gestaltung der alltäglichen Umwelt überall eingesetzt hat. Wer Klarheit darüber gewinnen will, wie weit die Bestrebungen in Deutschland gediehen sind, muß beide Ausstellungen vergleichen: die in Mailand und die in Mannheim.

Es war der Herbst der oberitalienischen Unwetterkatastrophen. Es empfing uns auch in Mailand nicht südlich laue Luft, sondern Bindfadenregen strömte vom Himmel; doch unter dem milchig-grauen Regenschleier wirkten die hellen modernen Bauten mit den blinkenden Glasfassaden wie die Fassaden einer gläsernen Märchenstadt. Mailand war eine der vom Krieg am meisten zerstörten Städte Italiens und hatte so Gelegenheit, ein Vorbild des Wiederaufbaues zu werden. Dabei haben die Mailänder die auch in Deutschland so häufig aufgetretene Fuge „Restauration oder moderner Stilwillen?“ unbekümmert beantwortet. Sie fürchteten nichts so sehr wie schwunglose Biederkeit. Und so sieht man moderne Fassaden mit blank in Aluminium gefaßten Fenster, die einen Eindruck von Licht und Leichtigkeit schaffen. Man sieht geschwungene Betondecken. Man sieht Häuser, deren Architekten mit der traditionellen Rechtecksform gebrochen haben. Diese neue Architektur scheint von einer eleganten Selbstverständlichkeit. Die modernen Formen gliedern sich ohne Pathos in den Alltag ein. Und bei alledem vertragen sich die neuen Hochhäuser ausgezeichnet mit benachbarten mittelalterlichen Kirchen, so daß beide in ihrer. Wirkung erhöht werden. Und die Nachbarschaft erzeugt so etwas wie Lust an der Gegenwart und ihren Möglichkeiten.

Der deutsche Soziologe Alfred Weber hat neulich, als er zum Thema „Bauen in dieser Zeit“ Stellung nahm, beklagt, wie wenig bei uns in Deutschland neue untraditionelle Strukturmöglichkeiten, vor allem neue Materialien, ausgeschöpft würden? „So lange die reinen Rechtecksformen des heutigen Bauens nicht gesprengt werden zugunsten neuer, gerade mit den neuen Baustoffen möglichen Strukturformen, so lange werden wir zwar ein mehr oder weniger zweckmäßiges Bauen, aber keine neue Architektur besitzen, die seelische Schwingungen unserer Zeit ausdrückt.“

In Mailand sahen wir zuerst, was jetzt auch in deutschen Städten auffällt: Einige Geschäfte verzichten darauf, ihre Schaufenster mit einer Rückwand zu versehen. So schaut man nicht man in Guckkästen, sondern kann den ganzen Laden frei überblicken. Ebenso frei ist der Blick durch die schwingenden Glastüren, die keinen Rahmen mehr haben, sondern höchstens noch schmale Mstalleinfassungen. In den Geschäften aber stehen keine steifen rechteckigen „Theken“ mehr vor den Verkäufern, sondern man sieht Tische, die in regelmäßigen oder unregelmäßigen Formen gerundet sind. Manche stehen auf schräggestellten hohen Beinen. Wandschirme mit abstrakten Ornamenten teilen den Raum auf, ein gewundenes Treppchen mit einem rhythmisch-schwingenden Geländer führt in das Obergeschoß. Sogar der Zuschauer vor dem Schaufenster auf der Straße erlebt die Zeremonie des Einkaufs wie ein köstliches Schauspiel mit. Als wir in der eleganten Via Manzoni zu Mailand so unvermittelt in die Läden hineinsahen, blieben wir lange stehen, weil die einkaufenden Damen in ihrem modischen New look, der die weiblichen Linien und geschwungenen Formen in Italien mit besonderer Sinnenfreude betont, viel Freude am Spiel der Koketterie, der Farben, der Formen verrieten. Sie trugen ihr Schmuckbedürfnis mit Charme zur Schau, und ihre Aufmachung war ein Protest gegen den tödlichen Ernst unserer Epoche.

Ein solcher Protest war in mancher Hinsicht auch die neunte Mailänder Triennale, die große internationale Ausstellung für angewandte Kunst, die Schau der Gebrauchgegenstände aller Art. Ein liebenswürdiger Mailänder, der galant an der Straßenbahnhaltestelle seinen Regerschirm über uns hielt, hatte uns in vollendeten Deutsch den Weg dorthin gewiesen. Dies also war die Ausstellung, die viele Kunstfreunde der ganzen Welt alarmierte, weil sie zum ersten Male in einem weltweit gespannten Rahmen das Bemühen der Kunsthandwerker und künstlerische Berater der Fabriken um neue Formen zeigte. Der erste Eindruck: Rhythmische Beschwingtheit hat die überkommenen geometrischen Umrisse abgelöst. Klarheit, Sachlichkeit und Kühle – wie sie einst den Bemühungen des deutschen „Bauhauses“ bei dessen Reinigung von Stuck und Plüsch entsprachen – regieren nicht mehr. Man verlangt nach Wärme. Man will die Städte als lebende Organismen sehen, Wohnstätten sollen zum lebendigen Gehäuse werden, Sessel und Stühle sollen nicht nur stilvoll, sondern bequem sein, jeder Gegenstand soll Harmonie und Poesie haben. Die Mailänder Triennale verriet dabei, daß viele Künstler, Kunsthandwerker und „Designer“ der Fabriken verzückte Kapriolen schlugen, als sie im verliebten Eifer des Findens und Formens neue Gebrauchsgegenstände entwarfen. Verblüfft, stellte man hier und da eine Wiederkehr der Jugendstil-Linien fest und eifernden Verrat am Gesetz der Materialgerechtigkeit. Die Finnen hatten, natürlichen Impulsen folgend, hauchzarte Gläser in Blatt- und Blumenform ausgestellt, und die italienischen Murano-Glaswerken zeigten Gläser, die aussahen wie zusammengefaltetes Papier und Spitzengewebe. (Ein Rätsel, mit welcher Technik diese Formen zustande kamen.) Manchmal hatte die Lust an Experiment und Spiel den Sinn verloren, mancher Gegenstand war seinem Zweck entfremdet. Es war sehr auffallend, daß gerade Italien und Finnland – zwei Länder, die durch den Krieg hart gelitten haben – sich am vitalsten und phantasievollsten erwiesen. Schon die Ausstellungshalle überraschte –: das Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit italienischer Künstler. Die Halle leuchtete in starken Farben, sie war belebt durch eingelegte Fußböden mit abstrakten Ornamentgebilden, sie hatte indirektes Deckenlicht in den vielfältigsten Kurven, und im Treppenhaus war eine Beleuchtung aus zweihundertfünfzig Metern Neonröhren angebracht, die in heiteren Linien frei durch den Raum schwangen.

Der italienische Architekt und Herausgeber der Zeitschrift „Domus“, Gio Ponti, schrieb über den italienischen Beitrag zur Mailänder Triennale: „Unser Land verbindet die Fröhlichkeit der Jugend mit der Kraft des Alters in einer überraschenden, anmutigen und oft auch barbarischen-Weise. Unser Beitrag zur Triennale besteht darin, daß wir den anderen Völkern zeigen, wie wichtig es ist, frei, locker und unabhängig zu improvisieren, das heißt: den künstlerischen Einfall direkt in die konkrete Form zu bannen. Im Augenblick, da wir aus einem Traum erwachen, halten wir diesen Traum, der uns bewegt, schon fest – in all seiner flüchtigen Schönheit.“ – Drücken diese Worte nicht tatsächlich das neue Lebensgefühl der Italiener aus, das sich ja auch in ihren Filmen so deutlich manifestierte? „Die italienischen Gegenstände sind gefrorene Träume“, schrieb Gio Ponti „Bei anderen Völkern werden diese Dinge oft zu einem Dokument der Gesetze ihres Lebens. Und so wie wir von den anderen lernen – und an ihrer wunderbaren Ordnung, ihrer Klarheit, ihrer Gesetzmäßigkeit können wir uns ein Beispiel nehmen –, so werden die anderen von uns vieles mitnehmen. Die Deutschen zum Beispiel sollten anfangen, daran zu glauben, daß ihre große Produktion auch poetische Werte, einbeziehen müßte.“

Es sind seitdem – auch in Fachkreisen – harte Worte über die Langeweile der deutschen Abteilung der Mailänder Ausstellung gefallen, über die öde Abgeklärtheit, über das mutlose Verharren. Wie die Aussteller nachher selbst sagten, hatten sie „auf einen zu hohen Anspruch Vielzichtet“ und es für richtig gehalten, „die Vielseitigkeit und solide Qualität unserer Produktion zu zeigen“. Kein Wunder, daß fröhliche Experimente nicht zu sehen waren zwischen all der nüchternen Sachlichkeit und kalten Farblosigkeit.