Von Jean Charlot Saleck

Paris, Mitte März

Sein Gesicht war schon berühmt und hat viele entzückt, ehe er bekannt war. Mußte er doch – er hat es Julien Green verraten – zwischen dem sechsten und zehnten Lebensjahr seinem Vater, Auguste Renoir, in Mädchenkleidern Modell sitzen für Dutzende der von den Kennern gesuchten so hinreißenden Bildnisse „junger Mädchen“. Mancher Sammler besitzt ein solches Gemälde-und weiß nicht, daß das porträtierte Kind der Knabe war, aus dem der so männlich-mächtige Schauspieler Pierre Renoir geworden ist. Als Jüngling hatte er – er war der älteste der drei Söhne des Malers – das Vorrecht, dem betagten Vater, dessen Hand steif geworden war, die Pinsel an die Finger zu binden. Als die Berliner Schauspielerin Tilla Durieux sich von Auguste Renoir malen ließ, wohnte Pierre den Sitzungen bei. Alfred Flechtheim hat es einst erzählt.

Schon früh zog es ihn zur Bühne. Seine Ausbildung schloß er mit dem ersten Preis des Conservatoire ab. Bis 1914 spielte er auf den Boulevards in den verstaubten Theatern. Aus dem ersten Weltkrieg kam er 1916 mit der höchsten Auszeichnung, der Medaille militaire zurück, die er nie anlegte, aber auch mit einer zerfetzten und gelähmten Hand, der rechten, deren Zustand er mit äußerster Disziplin dem Publikum verbarg. Renoir war die Diskretion in Person.

Sein Ruhm begann in der Comédie des Champs Elysées bei Jouvet mit Giraudoux’ erstem Stück „Siegfried“. Als Jouvet das Athenée übernahm, zog er mit und blieb bei ihm bis 1940. Außer Molière spielten sie nur die Stücke zeitgenössischer Autoren. Renoir war neben Jouvet der wichtigste Darsteller und der Hauptlektor des Ensembles. Wie viele Autoren, die nie eine Aufführung erreicht haben, wissen nicht, daß Renoir ihre Stücke Jouvet vollständig vorzutragen pflegte und sich nur selten mit Stichproben oder Hinweisen begnügte. Madame Dussane und er sind die einzigen, die wohl alle Stücke, die in Frankreich seit 1918 bei den Theatern eingereicht wurden, ganz gelesen haben.

Renoir war Jouvets Stütze – wörtlich zu nehmen. Wo es anging, stand er Jouvet bei, der sein Leben lang nie den trac verlor und Abend für Abend in Angstzuständen auf seine Auftritte wartete, er, der selber immer nur beklommen vor die Rampe trat. Man muß bei einer Premiere in den Kulissen gestanden und, wenn der Vorhang zum letztenmal gefallen war, gesehen haben, wie er den von der Bühne wankenden Jouvet, der keinem Beifall traute, auffing und vom Erfolg überzeugte, wenn es – wie meist – einer war.

Giraudoux’, Achards und Steve Passeurs Werke tragen alle Spuren von Renoirs Geist. Er war diesen Hausautoren des Athenée ein unermüdlicher Verbesserer ihrer Texte und hat niemals jemandem geschmeichelt. Dem schon berühmten Giraudoux hat er zwölfmal den zweiten Akt der „Elektra“ verworfen. Und die Autoren durften seinem Urteil trauen. Nie verlor er das Stück aus den Augen zugunsten der Rollen. Auf Rollen – waren es die seinen – konnte er Verzicht leisten, selbstlos wie ein Trappist, und sich mit den kleinsten begnügen.