Ein Nachwort zum Remer-Prozeß in Braunschweig

Dieser Prozeß war für mich eine gute Propaganda“, sagte Otto Ernst Reiner, bevor die Dritte Große Strafkammer des Landgerichts Braunschweig ihm das Urteil sprach: drei Monate Gefängnis wegen übler Nachrede und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener. Es handelte sich um die Widerstandskämpfer des 20. Juli, die keineswegs – so betonte das Bericht – Landesverräter im Solde des Auslandes gewesen seien, wie Remer dies in einer Wahlversammlung der SRP behauptet hatte. „Im übrigen“ – so stellte Landgerichtsdirektor Heppe fest – „war der nationalsozialistische Staat kein Rechts-Staat, sondern ein Unrechts-Staat. Alles, was das deutsche Volk seit 1933 über sich hat ergehen lassen müssen, war schreiendes Unrecht.“ – Wie zu erwarten, hat inzwischen der SRP-Vorstand zu diesem Urteil Stellung genommen, und es war Wolf Graf Westarp, der behauptete, das Gerichtsverfahren habe sehr wohl gezeigt, daß einige der Widerstandskämpfer Landesverrat begangen hätten. Im gegenwärtigen Stadium der Diskussion über einen deutschen Wehrbeitrag sei es sehr schwerwiegend, daß ein „denkender Soldat“, wenn er glaube, seinem Lande geschähe Unrecht, Landesverrat begehen könne. „In der nächsten deutschen Armee werden wir nur denkende anstatt gehorchende Soldaten haben ...“ Eine Erklärung, die einige Prozeßbeobachter um so weniger überraschte, als sie ohnehin meinten, die Neo-Nazis würden versuchen, die Braunschweiger Gerichtsverhandlung zu ihrem Nutzen umzudeuten, zu ihrem Nutzen und – wie sagte Remer? – zur „Propaganda“.

Daß der Prozeß Kritiker auch außerhalb des SRP-Lagers finden würde – auch das war vorauszusehen. Brauchte es Theologen, die aus der christlichen Lehre dem Richter zu sagen hätten, welches die echte menschliche Moral im Umgang mit Tyrannen sei? Und lag es nach dem juristisch tief begründeten, aber auch politisch betonten Plädoyer des Generalstaatsanwalts nicht nahe, daß die Philosophie ein Übergewicht erhielt gegenüber der einfachen juristischen Frage, ob Remer nach dem Strafrecht des Rechtsstaates Unrecht getan, als er sich erdreistete, gegen die Männer des 20, Juli vom Leder zu ziehen, um nur ja keine Gelegenheit zu versäumen, seine Partei fett werden zu lassen?

Reimer hat den Prozeß verloren, auch in moralischer Hinsicht. Gewiß ist es sein jämmerliches Schicksal, daß er, da er sich schon entschloß, Politiker zu werden, stets von dem reden muß, was ihn zuerst bekannt gemacht: sein Verhalten am 20. Juli. Schließlich haben seine Hintermänner ihn eben deshalb in den Vordergrund der Partei geschoben. Remer, diese durchaus subalterne Figur, hat nicht das Los eines Politikers, sondern das eines – Tätowierten. Sein Verhalten am 20. Juli, von dem das Gericht betonte, es könne ihm nicht zum Vorwurf gemacht werden, hat ihn tätowiert, nicht geprägt. Nun tut er, was die Hintermänner wollen: er, der die Kennmarke trägt, macht ein politisches Geschäft daraus. Und dies ist in seiner ganzen Kläglichkeit in dem Braunschweiger Prozeß sehr deutlich geworden.

Damals, nach dem 20. Juli 1944, lautete es – authentisch – so: Major Remer habe, wie es ihm sein Vorgesetzter, General v. Haase, befahl, das Regierungsviertel in Berlin zerniert. Da sei Naumann, der Mitarbeiter Goebbels, auf der Straße erschienen, der zum Propaganda-Ministerium wollte: Naumann – immerhin ein Zivilist – habe dem Soldaten Reiner nicht nur befohlen, ihn passieren zu lassen, sondern mit ihm zu Goebbels zu gehen. Goebbels, der eine direkte Telephonleitung zum „Führerhauptquartier“ besaß, halbe ihn mit dem totgeglaubten Hitler sprechen lassen. So entwickelten sich die Dinge, die den Männern des 20. Juli den Tod, dem Major Remer aber den Generalstitel brachten. – Vor dem Gericht zu Braunschweig sagte Remer – entgegen dem Zeugnis, das der Sohn des hingerichteten Generals v. Haase abgab –, er habe nicht begriffen daß ein Aufstand gegen Hitler geplant gewesen sei. Das ist bei seiner Kapazität durchaus glaubhaft. Wie aber paßt diese Äußerung Remers zu den Schilderungen, die er selbst unlängst in einer Schrift „Der 20. Juli 1944“ (Verlag „Deutsche Opposition“, Hamburg) zum besten gegeben hat? Darin schreibt Remer, dieser Verfechter des soldatischen Gehorsams, General von Haase habe ihm ausdrücklich verboten, zu Goebbels zu fahren. Was tat er? Er ging zu Goebbels – „trotz des gegenteiligen Befehls“, wie er wörtlich schreibt. Er brüstet sich, daß er habe prüfen wollen, ob die Schilderung der Lage, wie General von Haase sie ihm gegeben habe, den „wirklichen Tatsachen“ entspräche: „eine Handlungsweise“, so schreibt er, „die für jeden Truppenführer selbstverständlich ist, bevor er seine Truppe zum Einsatz bringt“. Alles dies, weil Remer – wie er an anderer Stelle schreibt – es als „Mangel an Zivilcourage“ betrachtet hätte, es „durch eigenes Verschulden zu einer Entwicklung kommen zu lassen, die verhängnisvoll werden konnte.“

Wie klingt dies dem so verwandt, was die Widerstandskämpfer wollten! Allerdings mit dem Unterschied, daß sie die durch Hitler heraufgeführte Situation verhängnisvoll ansahen, Reiner jedoch sich – heute noch – darauf beruft, erkannt zu haben, die durch Hitlers Gegner herauf geführte Situation sei verhängnisvoll gewesen Danach hätte Remer selbst als „denkender Sol dat“ im Sinne des ironischen Ausspruchs Westarps gehandelt. Wer Remers Schrift glaubt, müßte freilich sagen, daß Remer schon damals – wie heute – weniger als Soldat denn vielmehr als Nazi handelte. Wer aber die Wahrheit erfahren will, sollte prüfen, ob Remer nicht heute wie damals gar kein Handelnder, sondern ein Geschobener ist – ein dumpfer, subalterner Mensch, der viele Vorurteile und wenig Denkvermögen hat. Dann ist man auf der rechten Spur. Und so ein Typ drängt sich ins politische Leben!

Jan Molitor