Die Preise fallen, also wird in Deutschland einmal wieder vom Rationalisieren gesprochen. Die Rationalisierung sollte ja eigentlich dann in Angriff genommen werden, wenn in der Hausse Gewinne „mitgenommen“ werden konnten. Praktisch aber denkt man, gerade auf dem Konsumgebiet, in Deutschland an Rationalisierung erst dann, wenn infolge Umsatzschrumpfung die Gewinne ausbleiben. Hier stehen wir heute. Und hier standen wir schon einmal, nämlich zu Sommersanfang vorigen Jahres, als zum erstenmal das Gütezeichenprogramm, von Professor Dr. Müller-Armack entwickelt, zur Sprache kam. (Siehe „Eine Lanze für Herrn Schmitz“, Die Zeit vom 17. Juli 1951.) Inzwischen ist der Kölner Professor einen Schritt weitergekommen. Er hat die Unterstützung des Bundeswirtschaftsministers gefunden, dessen Referat „Rationalisierung“ an den Besprechungen „von der Idee zur Tat“ teilnimmt. Beteiligt sind ferner das Rationalisierungs-Kuratorium der deutschen Wirtschaft und die Wirtschaftsverbände der verschiedenen beteiligten Wirtschaftszweige.

Was will man? Was ist der Ausgangspunkt? Das Schlagwort „soziale Marktwirtschaft“ in allen Ehren ... als Schlagwort hat es gezogen; aber bestimmte, auf den Begriff „sozial“ bezogene Taten blieben aus. Die soziale Marktwirtschaft braucht aber Taten, nicht Worte, will man den „dritten Weg“ der Eucken, Böhm, Rüstow, Müller-Armack als Konzeption anerkennen und verwirklichen. – Die Sache hat natürlich einen Haken. Sie erfordert einen Staat mit geistiger Autorität, der die Daten setzt, und Unternehmer, die sich in Selbstdisziplin diesen Daten beugen. Ist unser Staat in seiner geistigen Autorität stark genug? Man muß diese Kernfrage immer wieder stellen, weil all das, was heute unter der Flagge des Neoliberalismus als erstrebenswert – theoretisch einwandfrei – aufkreuzt, in der Praxis nur dann Erfolg haben kann, wenn eben diese geistige Autorität des Staates vorhanden ist. Den Amerikanern ist der Markt die selbstverständliche wirtschaftliche Lebensform. Bei uns wird viel davon geredet und doch nur teilweise danach gehandelt. Was dort Selbstverständlichkeit ist, ist hier eben gar nicht selbstverständlich.

Sicher wird auch in Deutschland „sozial“ gehandelt. Das „Soziale“ erschöpft sich aber fast durchweg im Rentendenken und hat – auch im Bundestag – noch nicht auf das Leistungsdenken übergegriffen. Die einzige echte Konzeption guter Sozialpolitik ist aber gute Wirtschaftspolitik, die für die Binnenwirtschaft nur eine Devise kennen darf: Verbilligung der Produktion durch Verbesserung der Fertigungsverfahren und der Marktorganisation. Diese Verbilligung „zieht“ beim Mann auf der Straße, dem Wähler, der sehr preisempfindlich ist und noch immer nicht (denn er kann es ja eben nicht!) Qualität erkennen gelernt hat. Echtes Vertrauen in billige Qualitätsware zu schaffen – das also ist im Prinzip die Idee Müller-Armacks.

Nehmen wir nur den Teilmarkt Textilien. Das Endprodukt, wie es der Konsum braucht, kann im Preis nur sinken, wenn die Produktion rationalisiert und standardisiert wird, wobei als bekannt vorauszusetzen ist, daß der Rohstoffanteil am Textilfertigprodukt den Endpreis bestenfalls bis zu 20 v. H. beeinflußt. Der Begriff „Standardware“ hat nun in Deutschland einen schlechten Geschmack. Gedacht ist aber keinesfalls an das uniforme Kleid oder die Einheitsunterwäsche. Gedacht ist auch nicht an ein utility-Programm, weil dies sofort bei dem empfindlichen Steuerzahler mit dem Wort Subvention verknüpft wird. Gedacht ist auch nicht an fröhliche Urständ des (psychologisch schlecht vorbereiteten) Jedermann-Programms. Die qualitativen Voraussetzungen für eine „neue Lösung“ sind heute gegeben. Die Werbung ist wieder eingespielt, Die Organisationen stehen wieder, die in eigener Regie zu agieren vermögen. Sollten sie es nicht erreichen, standardisierte Waren, auch für den gehobenen Bedarf, zu schaffen – nicht zuletzt für den – im Entgelt zurückgetriebenen – Festangestellten oder Beamten? Und sollten die Verbände nicht (in Verbindung mit dem Rationalisierungs-Kuratorium) unter Qualitätsbindung dafür sorgen können, daß bei weiterhin genügend reichhaltigem Sortiment größte und somit billiger zu erstellende Serien produziert werden? Kurz: Sollte nicht, in Selbstverwaltung der Unternehmer, der Versuch gemacht werden, einen ganzen Katalog von Waren, die „verbrauchernah“ und nicht in einen Markenartikelbegriff zu fassen sind, in eine markenartikelähnliche Position zu bringen? Das Ganze ist doch nichts Neues; Es gibt bereits Unternehmen, die so handelt, und nicht wenige Unternehmen sind zu ihrem lange eben durch den Markenartikel gelangt. Warum sollte sich die Masse der Produzenten nicht den Erfahrungen des Markenproduzenten oder der Häuser, die ihr Verkaufssortiment durch ihren Namen „decken“, anschließen. Man wende nicht ein, die Konkurrenz würde „verdorben“. Nirgends ist die Konkurrenz so stark und so echt, wie auf dem Markenartikelgebiet oder bei den Warenhäusern!

Noch ein Wort zur Technik: Es ist daran gedacht, ein Selbstverwaltungsgremium der Wirtschaft zu schaffen, das die Einbeziehung der einzelnen Artikel davon abhängig macht, daß einwandfreie Qualität gewährleistet ist, auf die sich der Konsument bei mangelnder Fachkenntnis voll verlassen kann. Ein Gütezeichen soll diese Qualität garantieren (das aktuelle Beispiel des Gütezeichens für schwere Zellwollstoffe liegt gerade vor). Voraussetzung allerdings ist die Überwindung psychologischer Schwierigkeiten. Werden diese Artikel bei den Konsumenten günstig aufgenommen, so ist eine Nachfragekonzentration die Folge, die zur Serienproduktion führen kann. Dies bedeutet Kostensenkung, die dem Konsumenten zugute kommt. W-n.