Die Vorstellung, daß heute noch, fast sieben Jahre nach Kriegsende, Hunderttausende von Ostvertriebenen (und Ausgebombten) in Baracken und Massen quartieren untergebracht sind, hat für viele unserer besser behausten Mitbürger etwas Quälendes: man weiß von diesem Elend, ohne es näher zu kennen – man möchte wohl gerne helfen, aber sieht keine praktische Möglichkeit, sinnvoll einzugreifen. Zweifellos hat diese moralische Hypothek eines schlechten Gewissens ihr Gutes, denn die Not der – erwerbslos und unbeschäftigt – in den Baracken hausenden proletarisierten Schicht darf keinen Augenblick vergessen werden. Freilich muß man sich auch auf diesem Gebiete vor Verallgemeinerungen hüten. Es gibt ja „ausgebaute“ Baracken, mit Unterkellerung, die wirklich winterfest sind, in denen es sich recht wohl wohnen läßt, besonders dann, wenn reichlich Gartenland in der Nähe verfüglich ist, und wenn behelfsmäßige Stallbauten geschaffen werden konnten, die eine Kleintierhaltung ermöglichen. Vielfach besteht dann bei den Barackenbewohnern gar keine Neigung, die bisherige Existenz, die nicht mehr „elend“ (im eigentlichen Wortsinne: also „ohne Land“) ist, aufzugeben und in eine Neubauwohnung, „auf die Etage“, zu ziehen. Solche Fälle wurden uns aus den verschiedensten Gebieten Westdeutschlands, mit sehr verschiedenartigen Lebensgewohnheiten, berichtet.

Zunächst ein Beispiel aus Schleswig-Holstein: hier handelt es sich darum, daß Barackenunterkünfte, für die Monatsmieten von 7 bis 10 DM zu zahlen waren, mit kleinen Neubauwohnungen vertauscht werden sollten, deren Mieten das Drei- bis Vierfache ausmachten. Vielfach wurde die bisherige Unterkunft vorgezogen: nicht etwa, weil die höhere Miete nicht aufzubringen gewesen wäre, sondern mit dem Hinweis darauf, daß dort kein Raum für die Hühner, die Kaninchen, das Schwein zu schaffen sei ... wobei es sich vielfach nicht nur um ein zur Mast aufgestelltes Schwein handelt, sondern gleich um zwei Stück, nach dem Kalkül: „Wenn ich ein fettes Schwein verkaufen kann, kostet mich das zweite praktisch nichts, das ich selber schlachten will, und das dann fast das ganze Jahr hindurch einen wesentlichen Zuschuß zur Lebenshaltung der Familie abgibt.“ – Ähnlich lauten die Auskünfte aus Württemberg. Da handelte es sich um recht geräumige Barackenwohnungen, für die (bei drei Zimmern und einer großen Wohnküche) eine Monatsmiete von 20 bis 25 DM zu zahlen war. Hier besteht nun dieselbe Weigerung, auch bei gut verdienenden Familien, die „Notunterkünfte“ zu verlassen und in eine Etagenwohnung überzusiedeln. Begründet wird das damit, daß man den Garten, die Hühner, die Kaninchen (oder auch: die Ziege, das Schwein) ja nicht aufgeben könne. Zusätzlich spielt noch ein anderes Argument mit, das sehr beachtlich ist: „Hier in der Baracke“, so heißt es, „brauchen wir nicht auf gute Kleidung zu sehen; da genügt ein Kopftuch für die Frau, den ganzen Tag über – wohnen wir aber erst einmal auf der Etage, dann muß ein Hut gekauft werden, sonst wird man schief angesehen; da ergibt sich gleich ein anderer und viel teuerer Lebenszuschnitt.“ So also zu hören auch bei Familien, die gut verdienen, weil neben dem Einkommen des Mannes noch ein Sohn voll arbeitet, oder zwei Töchter mit gutem Lohn oder Gehalt nach Hause kommen, vielleicht auch noch über ein Mitglied der älteren Generation eine Rente dem Familieneinkommen zufließt, das dann (nicht nur in Ausnahmefällen!) acht-, bis neunhundert, vielleicht auch tausend Mark monatlich erreichen kann.

Daß es also auch solche Fälle gibt, in denen eine Baracke zu einem echten Stück Heimat werden kann, muß man immerhin wissen – schon allein darum, damit bei den „Ersatz-Wohnungen“, die nach und nach erstehen sollen, um die Baracken-Unterkünfte zu ersetzen und überflüssig zu machen, nicht am echten Bedarf „vorbei gebaut“ wird: mit Wohnungen „auf der Etage“, die den berechtigten Ansprüchen, den Familien einen wirtschaftlichen „Lebensraum“ zu schaffen, eben nicht voll entsprechen. Daß „der Arbeiter“ nicht nur einen auskömmlichen Lohn und eine hinreichende Freizeit braucht, sondern daß man ihm in den Bestreben helfen muß, auch seine Freizeit sinnvoll (und nach den eigenen Wünschen) zu nutzen, ist ein Stück Sozialpolitik, das nicht mehr übersehen werden darf. Prof. Rüstow (Heidelberg) hat über diese Fragen, für die er den Begriff der „Vitalsituation“ und der „Vitalpolitik“ neu geprägt hat, vor einiger Zeit in einem viel beachteten Vortrag vor der Industrie- und Handelskammer Dortmund gesprochen (Abdruck in den „Mitteilungen“ der Kammer vom 15. November). Von der Frage, wie dem (großstädtischen) Arbeiter eine Chance gegeben werden kann, den „industrialisierten Vergnügungen“ zu entgehen, mit denen man „sich die Zeit vertreibt“ („die Zeit totschlägt“), schlägt Rüstow die gedankliche Brücke zu dem Problem, welches eigentlich die psychologischen und soziologischen Wurzeln der „an vielen Stellen spontan gewachsenen Betriebssolidarität, die man früher für unmöglich gehalten hätte“, sein könnten. Seine Antwort lautet, daß wir auf dem Wege sind, auch für die Industriearbeiterschaft die Notwendigkeit der Schaffung einer „neuen Vitalsituation“ zu erkennen, bei der jene in die Isolierung (und gleichzeitig in die „Vermassung“) treibenden Tendenzen allmählich abgebaut werden. Es geht darum, „den einzelnen Arbeiter, für den die Arbeit im Großbetrieb den weitaus größten Teil seiner Lebenszeit ausmacht, von dem Gefühl der Verlorenheit (der „Geworfenheit“, um es existentialistisch auszudrücken) zu befreien.“ Alles, was die Betriebssolidarität fördert, muß also auch unter diesem Gesichtspunkte angesehen werden: ein Stück Heimat kann der Betrieb bedeuten. Und ein anderes und nicht minder wesentliches Stück Heimat, Zufriedenheit und bescheidenes Glück kann er geben, wenn er mit dafür sorgt, daß zur Wohnung der Garten kommt, und (für alle, die es wünschen) das „eigene Stückchen Land“, das ein selbständiges Wirtschaften ermöglicht. Wie viel ist da gewonnen: die Kinder, die noch nicht im Beruf stehen, die Alten, die nicht mehr zur Arbeit gehen, können sich nützlich betätigen; sie sitzen nicht sinnlos und störend herum. Und selbst die Erwerbslosigkeit verliert da viel von ihren Schrecken ... E. T.