Von Günther Steffen

Posaunenbläser gelten seit biblischen Zeiten als umstürzlerische Elemente. Man sagt, daß sie Mauern zum Einsturz bringen könnten, so die von Jericho, die ihnen sieben Tage lang vergeblich trotzten. Nun, vielleicht waren die Mauern von Jericho auf Sand gebaut oder vielleicht waren sie geräuschempfindlicher als das Betonfundament eines Hamburger Mietshauses, das trotz des „ganz unerhört lauten Blasens“ seines Eigentümers, eines Posaunisten, des Philharmonischen Orchesters der Hamburgischen Staatsoper, noch keinerlei Risse zeigt. Gerissen ist auch noch keines der Trommelfelle der Mitbewohner, obwohl besagter Posaunist, wie behauptet wurde, im Zuge seiner Unzahl von schikanösen Handhingen auch damit begonnen hat, laut und ohne Dämpfer Posaune zu blasen, wobei er in völlig unhygienischer Weise den beim Blasen entstandenen Speichel (lies: Schwitzwasser) einfach auf den Fußboden spritzt.

Eine ebenso geräuschvolle wie undelikate Sache also, ein Grenzfall der Musik, der Nervenheilkunde und der Ekelpsychologie, der jüngst einem Hamburger Gericht zur Entscheidung vorlag. Erst kürzlich hat der Fall eines jungen Pianisten (vgl. „Die Zeit“ Nr. 9 v. 28. 2. 52), der dazu verurteilt wurde, sein Klavierspiel „nur nach Anbringung eines mechanischen Dämpfers am Klavier auszuüben“, die Hamburger Richterschaft in den Ruf der Musikfeindlichkeit gebracht. Zur Ehre des Posaunenrichters sei gesagt, daß er mit seiner Entscheidung, die Klage abzuweisen, weil der Beklagte „in Ausübung seines Berufes auf seinem Grundstück Posaune blasen“ könne und weil „in dem Blasen des Beklagten keine vorsätzliche, sittenwidrige Schädigung zu erblicken sei“, diesen Verdacht wieder zerstreut hat.

Vielleicht hat ihn, den Mann des Gesetzes, der dumpf im Paragraphenwald die Posaunen des jüngsten Gerichts zu hören vermeinte, das stimmungsvolle Bild jenes einsam auf dem Dachboden seines Hauses Posaune blasenden Zeitgenossen gerührt. Auch Richter haben eschatologische Anwandlungen und dieser schrieb sogar, verklausuliert in sein barockes Juristendeutsch, eine Hymne an die Posaune in sein Urteil: Selbst wenn der Beklagte, so meinte er, mit voller Lautstärke in seine Posaune stieße, erklinge sie nicht unerträglich dröhnend oder laut. Es handele sich vielmehr um ausgesprochen schöne Posaunenmusik, die bei der „Augenscheineinnahme“ auf das Gericht durchaus erbaulich gewirkt habe.

Nicht so auf die Klägerin, eine Witwe in den besten Jahren, die zwar der Erbauung in Maßen zugetan, aber gerade dieser reichlich abhold schien. Sie empfand das Posauneblasen hart neben ihrem Zimmer, das sie nicht nur an Sonn- und Feiertagen (wo es doch schicklicher gewesen wäre) sondern alltäglich zu jeder Zeit zu hören bekam, „in der vom Antragsgegner geübten Lautstärke“ als eine „ständige Provokation“ und „empfindliche Ruhestörung“, die für sie nicht länger tragbar sei. Auch meinte sie, der Künstler habe sein provozierendes Blasen erst am Tage der Verkündung – nicht einer himmlischen Freudenbotschaft, sondern eines für ihn höchst enttäuschenden Gerichtsbeschlusses – begonnen, aus Rache nämlich für zwei verlorene Prozesse, die sie, die in den Maschen des Gesetzes Erfahrenere, bereits früher gegen ihn geführt habe, denn er sei nicht nur ein renitenter Posaunebläser, sondern auch ein gerichtsnotorischer Haustyrann.

Nun mag es stimmen, daß Posaunebläser as starke Töne gewöhnt sind und es so bisweilen an jener verträumten Sanftmut und beschwichtigenden Höflichkeit fehlen lassen, die vielleicht unter den obwaltenden Umständen ein Flötist an den Tag gelegt hätte.

Denn nur so wohl ist der Rat jener Witwe zu erklären, der Beklagte möge doch seiner Posaune „einen Dämpfer“ aufsetzen, einen sentimentalen gewissermaßen, denn der musikalische trug ihr den Vorwurf ein, daß sie von „Tuten und Blasen“ keine Ahnung habe, weil sich nämlich ein Posaunist der Hamburgischen Staatsoper täglich bei seinen Proben auf den nötigen (musikalischen) „Lippendruck“ vorbereiten müsse, ferner eine bestimmte Atemtechnik üben und beim Posauneblasen die Lautstärke seiner Töne kontrollieren müsse.

Ein Umstand allerdings, der die Ursache all jener mehr oder minder erbaulichen Posaunendialoge vor den Schranken des Gerichts gewesen ist, ermuntert zu einer bescheidenen Anfrage an die Hamburgische Staatsoper. Irgendwo in den Akten findet sich die aufschlußreiche Notiz, daß die Räumlichkeiten, in denen der Antragsgegner früher seine Übungen abhalten konnte, inzwischen zu einer Kantine umgebaut worden sind. Nichts gegen die Kantine, in der sich durstige Sänger- und Musikerkehlen mit den gleichen humanen Recht wie andernorts prosaischere Kehlen zu stärken pflegen. Aber mußte man wirklich die Posaune exmittieren, um den expansiveren Bierfässern Platz zu verschaffen?