Es war kein Traum, der uns berichtet, daß Millionen Juden in der Zeit, da Hitler herrschte, umgebracht wurden. Der millionenfache Mord war Wirklichkeit. Fassungslos standen in Deutschland viele Millionen Menschen vor dieser Tatsache, als der Krieg zu Ende war. Und selbst der am wenigsten Schamhafte, ein moderner Neo-Faschist, meinte in öffentlicher Rede: das „Juden-Problem“ hätte auch anders „gelöst werden können“. Als ob es je ein „Juden-Problem“ gegeben hätte! Es hat immer nur menschliche Probleme gegeben.

Die Nazi-Zeit, der Krieg, der Nachkrieg – alle diese Epochen haben freilich Situationen heraufgebracht, welche die Menschen gleichgültig werden ließen. Sie hätten’s sonst vielleicht nicht ausgehalten. Um so besser aber, daß einer der Jungen – er war noch ein Kind, als die Diffamierung der Juden in Deutschland begann, jener Juden auch, die gute Deutsche waren und nichts sonst – um so besser also, daß ein junger Autor ein Dokumentarbild für den Funk schrieb, welches das Schicksal der Juden noch einmal anschaulich machte. „Es war kein Traum“ hieß der Titel dieser verdienstvollen und erregenden Sendung des NWDR, und Tichaschek heißt der Autor, in dessen funkischem Bericht gerade deshalb die menschliche Teilnahme so erschütternd lebendig war, weil die dokumentarisch exakte Wirklichkeit nirgendwo verlassen wurde. – Hier hat ein beispielhafter menschlicher Eifer auch die dem Funk gebührende künstlerische Form gefunden, so daß – und dies sei ausdrücklich vermerkt – unter vielen Hörern eine Aufmerksamkeit erregt wurde, die ihrerseits menschliche Anteilnahme war. J. M.