Die Matineen der „Hamburger Lektürenbühne“,

von Rolf Italiaander mit unbeirrbarem Zutrauen in die Schubladen ungespielter Autoren unter Dampf gehalten, sind nach einjähriger Probezeit nun zu kleinen theatralischen Sonntagslustbarkeiten geworden, an denen sich ein ausverkauftes Haus zu ergötzen vermag. An die Stelle bemühter Lektüre von Schmalspurtragödien ist die guteinstudierte Scheinimprovisation von szenischen Gags getreten, die sich als anspielungsreiche Arabesken um den Vorwand eines mit Defekten beladenen Manuskripts ranken. Der Mimus siegt über den Willen zur Literatur. Da genügt dann, wie bei der Commedia dell’Arte, ein gut placiertes dramatisches Molekül, um einen Vormittag zu tragen. Mehr als das ist aus dem hübsch verzwickten Einfall nicht geworden, den Nils Graf Stenbock und Fritz von Woedtke als „ernstliche Posse“ den Abendspielplänen großer Bühnen bisher vergeblich angeboten haben; sechs Reisende zweiter Klasse und ein Bundesbahnkontrolleur kommen als Träger der „Sieben Todsünden“ bei einem Eisenbahnunglück um und erhalten (frei nach Sartre) eine 24stündige Bewährungsfrist, um sich zu läutern. Obwohl sie alle Hebel der Psychotherapie und der Selbstanalyse dafür ansetzen, bleibt jeder in seiner spezifischen Sünde befangen, und alle müßten in Hölle, wenn sich nicht am Schluß herausstellte, daß ihr Tod ein Scheintod und was sich in den 24 Stunden, begab, mit allen Komplikationen eine von dem Psychiater arrangierte Komödie gewesen ist. So sind sie ’„noch einmal davongekommen“, und das Schlußwort hat Thornton Wilder. Der Mittelteil, amourös und kriminalistisch, möchte von Noel Coward sein; aber die Autoren haben nicht bedacht, daß ihre Prämissen keine Charakterwandlung zulassen, und so zerrt sich die sowieso vergebliche Handlung angestrengt in Schneckenwindungen hin. Italiaander kürzte hier so rigoros, wie es sich kein Dramaturg einer großen Bühne leisten könnte – aber er rettete damit, die gute Laune des Publikums, die durch satirische Pointen gegen Psychiater geweckt war und durch den privaten Charme Hilde Weißners (auch im Stück Inhaberin eines Modesalons) nicht minder lebhaft in Gang gehalten wurde wie durch die brillanten Todsünder-Miniaturen Helmut Peines, Alfred Mendlers und der anderen. C. E. L.

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Die erste westdeutsche Aufführung des „Herbert Engelmann“ von Gerhart Hauptmann und Carl Zuckmayer wird am 4. April im Berliner Kurfürstendamm-Theater unter der Spielleitung von Otto Kurth stattfinden.