Der Neulehrer in der Ostzone, der sich lange auf sein parteigeschultes Gewissen verlassen mußte, kann erleichtert aufatmen. Vor kurzem hat er endlich die sehnlich erwarteten Lehrpläne erhalten, die ihm genau sagen, was er jede Woche durchzunehmen hat. Diese Lehrpläne sind, wie die Ostzeitungen berichteten, „auch von den Eltern begeistert aufgenommen worden“. Kein Zweifel, daß die Eltern Grund haben zu dieser Freude. Denn „bei der Entwicklung der Pläne war die weit vorgeschrittene sowjetische Pädagogik eine unersetzliche Hilfe“. Nun wird die Jugend in der Lage sein, wie es in der Richtlinie für den Geschichtsunterricht heißt, „aus der Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit im gesellschaftlichen Entwicklungsgesetz die Gegenwart zu verstehen und aktiv am Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik und am Kampf für den Fortschritt teilzunehmen“.

Dieser Kampf für den Fortschritt, wie die allgemeine und allein verbindliche Ausrichtung auf den Marxismus-Leninismus und das sowjetische Vorbild. genannt wird, reicht im Erziehungssystem der Ostzone vom Kindergarten bis zur Universität. Der künftige Lehrer wird dies bereits in seiner eigenen Vorbereitungszeit ausgiebig erfahren. Die vom ostzonalen Volksbildungsministerium herausgegebenen neuen Bestimmungen für die Lehrerprüfung, die zugleich die Richtung für die Ausbildung angeben, zeigen, wie weit das östliche System und seine Ideologie gerade in der Jugenderziehung schon vorgeschritten ist.

Von einem Lehrer wird nicht nur Fachwissen, sondern auch eine gute Allgemeinbildung verlangt. Sie steht sogar in der Prüfungsordnung an erster Stelle. Für den ostzonalen Lehrer gliedert sie sich in sechs Punkte: Marxismus-Leninismus, Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, politische und soziale Probleme der Gegenwart, Sowjetliteratur und schließlich deutsche und Weltliteratur.

Die zu behandelnden Einzelfragen werden genau präzisiert: Die Grundzüge der marxistischen Dialektik, die Beziehungen zwischen Basis und Überbau, die drei Besonderheiten der Produktion, die Lehre von den Klassen und vom Klassenkampf, von der proletarischen Revolution und von der Diktatur des Proletariats. In der Geschichte der PKdSÜ (B) wird ein besonderer Abchnitt Stalin „als Führer des Sowjetvolkes im großen Vaterländischen Krieg“ gewidmet und dem „Herausbrechen der Länder der Volksdemokratien aus dem System des Kapitalismus als dem neuen Triumph der siegreichen Lehre des Marxismus-Leninismus“. Der dritte Punkt, die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, ist bis zur „Entvicklung der SED zu einer marxistisch-leninistischen Partei, einer Partei neuen Typus“, durchzuführen. In diesem Sinne geht es weiter und endet bei dem „Kosmopolitismus als reaktionärer Grundlage des USA-Imperialismus“. In der sowjetliteratur, die vor den wenigen vorgeschrieben Proben klassischer, den Büchern der „fortschrittlichen“ deutschen Literatur und der sehr pärlichen und gesiebten Weltliteratur rangiert, muß der Prüfungskandidat vor allem mit ihrer Verantwortlichkeit vor der Partei und ihrem Optimismus vertraut sein. Denn für die ja so „reaistische“ Literatur des Ostens ist Objektivität ein Vergehen und „Objektivismus“ ein anderes Wort für Ketzerei.

Als zweite Hauptgruppe in der Prüfungsfolge folgt die pädagogische Wissenschaft. Auch sie ist vollständig auf sowjetischen Lehren und Theorien aufgebaut, die in jeder zweiten Zeile als die allein naßgebenden und als die fortschrittlichsten der Welt gefeiert werden. Als pädagogische und psychologische Lehrbücher sind daher auch nur Schriften sowjetischer Autoren zu benutzen. Wobei erwartet wird, daß der Junglehrer sie möglichst im Urtext liest, da er nur dann wirklich zu den Quellen der Wissenschaft vordringen kann. Als die bedeutendsten Pädagogen werden gelannt: Lenin, Stalin, Uschinski, Kalinin und Makarenko. Beiläufig erwähnt werden Pestalozzi, Diesterweg und der alte Comenius.

Um in Psychologie zu bestehen, muß der Prüfling die „Einführung in die Psychologie“ von iornilow genau kennen. So ausgerüstet wird er dann auch die praktischen Prüfungsaufgaben zur Zufriedenheit erfüllen: „das Aufstellen und die Ausfüllung von Fragebogen über das außerschulische Leben der Kinder“, also die Überwachung des Elternhauses und Freundeskreises und der von hier aus eventuell gefährlich werdenden „reaktionären“, Einflüsse, die dem angestrebten Erziehungsideal entgegenstehen.

Damit dem Junglehrer nicht die Spur eines Zweifels über seine späteren Aufgaben bleibt, hat das Deutsche Pädagogische Zentralinstitut (das Mich die neuen Lehrpläne ausgearbeitet hat) ausführliches Material zur Vorbereitung der „Arbeitsgemeinschaften der Lehramtsbewerber“ herausgegeben. In diesem Material findet sich der aufschlußreiche Merksatz: „Unter Bildung verstehen wir den Vorgang der Ausstattung der Schüler mit wissenschaftlichen Kenntnissen, mit bestimmten Fähigkeiten und Fertigkeiten. Erziehung ist der Prozeß der Heranbildung eines kommunistischen Bewußtseins und Verhaltens bei den Schülern. Jeder Unterricht in jedem Schulfach hat Bildungs- und Erziehungsaufgaben.“

Da sich also in jedem Fach Bildungs- und Erziehungsaufgaben miteinander mischen, hat der Lehrer nicht nur in Gegenwartskunde, im Ge-Schicht- und Sprachunterricht, sondern ebenso in Naturkunde und Mathematik „das kommunistische Bewußtsein“ zu wecken. Ein Lehrer aber, der dieser Forderung nicht nachkommt, entspricht als „reaktionärer Pauker“, wie es Friedrich Ebert, der Leiter der Ostberliner Verwaltung, formulierte, nicht mehr den Anforderungen der Zeit. Von ihm wird sich die Schulverwaltung rücksichtslos trennen müssen. Waldemar Honer