Kassel, im März

Wiederum wird, nach Garcia Lorca und Casona, ein spanischer Zeitgenosse – diesmal durch die Vermittlung des in Barcelona lebenden Lope-Übersetzers Hans Schlegel – ins deutsche Theater eingeführt, und wieder ist man verblüfft von einer dramatischen Potenz: Es ist der vierunddreißigjährige Juan Gemran Schroeder-Aramendia, Sohn des deutschen Wegebauingenieurs Schroeder und einer Spanierin.

Schroeder-Aramendia führte, auf einer Versuchsbühne in seiner Heimatstadt Barcelona moderne Dramatiker des Auslandes ein und veranstaltete Freilichtaufführungen von Fronleichnamsspielen Calderons. Für junge spanische Autoren gründete er 1947 die Bühne El Corral, die sich den Geschäftsprinzipien der herrschenden Theaterkompanien entgegenstellte. Fünf seiner eigenen Bühnenwerke wurden dort aufgeführt. Die 1949 geschriebene dramatische Legende „Die versunkene Stadt“ (La Ciudad Sumergida) aber erlebte jetzt ihre Uraufführung im Auslande: am Staatstheater in Kassel.

Die Legende von der Freundschaft zwischen Amis und Amile hat er aus dem spanischen Mittelalter übernommen. Beide Freunde sind ritterliche Herren, die durch zwei Pokale symbolhaft verbunden sind. Einst erkämpfte Amis im Turnier die Königstochter Leonor für Amile, obwohl diese Amis liebte. Nach zwanzig Jahren getrennten Lebens kommt Amis, vom Aussatz befallen, auf die Burg des Freundes. Während die eigene. Gattin Vittoria aus Angst um ihre Schönheit ihn nächtlicherweise zu erdrosseln versucht hatte, findet er bei Leonor selbstlose Pflege. Heilung aber kann er nur finden, wenn der Freund Amile seinen eigenen Sohn ersticht und mit dessen Blut die Wunden des Aussätzigen wäscht. Diese Botschaft verkündet der Erzengel Raphael dem Siechen, und Amile bringt – ohne Rücksicht auf die von beiden geliebte Frau und Mutter – das Opfer. Es begibt sich aber nicht nur das Wunder der Heilung: der getötete Sohn wird den Gläubigen als Beweis göttlicher Gnade zurückgegeben.

In den Gesprächen der handelnden Personen spiegeln sich, subtil erfaßt, moderne Lebenssituationen. Da klingt das hohe Ethos der Liebe im Unterschied zwischen wesenhaftem, opferfähigem Füreinanderbestimmtsein und sinnenhaftem Schönheitsgenuß auf. Da werden die Phasen des langsamen Verglimmens großer Gefühle und die Weltflucht in Sehnsüchte bewußtgemacht. Da kommen Stunden der Angst, wo der Glaube im Nichts zu versinken droht. Aber die drei Hauptgestalten finden allein, und ohne Rückversicherung die Ordnung in sich und untereinander wieder. Das alles entwickelt der Autor so bedrängend gegenwärtig, daß beide Wunder vom Zuschauer nicht nur naiv akzeptiert werden, sondern die Bühne aus ihnen sogar noch dramatische Höhepunkte gewinnen kann.

Die Kasseler Uraufführung inszenierte Hans Schlegel selbst. Es war erstaunlich, wie rein im Ideellen und auch als Theaterleistung überzeugend der Literat als Regisseur das Stück herausbrachte. Johannes Jacobi