II. Besuch in Heilstätten, in denen neue Wege eingeschlagen wurden – Erweiterte Grenze der Medizin

Von Paul Hühnerfeld

Die „Zeit“ hat in ihrer vorigen Ausgabe (Nr. il vom 13. März) eine Schilderung jener Heilstätten begonnen, in denen außergewöhnliche Methoden angewandt werden. Es war dabei von dem Sanatorium Dr. Buchingers in Bad Pyrmont die Rede, das am meisten durch seine Fastenkuren bekanntgeworden ist. Es war von den Bemühungen der Ärzte die Rede, den „ganzen Menschen zu erfassen“ und den uralten Zusammenhang zwischen Medizin und Religion wiederherzustellen.

Der Mensch ist Geist. Er hat sich – so sagen die Buchingers – in einer Welt zu behaupten, in der Gott als seinen eigenen Gegenpol Luzifer geschaffen hat.“ Der zeigt sich in mannigfacher Gestalt: im Lärm des Alltags, in der Vergnügungs- und Zerstreuungssucht, im Alkohol, im Nikotin und in den pflanzlichen Giften. Und doch: Gott hat es den Menschen in die Hand gegeben, sich gerade dieser Gifte zu bedienen. Denn: „Allein die Dosis macht’s, daß ein Ding kein Gift sei“ – dieser Satz des Paracelsus wird in Pyrmont oft zitiert.

Die Heilfastenkur kommt bei vielen Krankheiten zur Anwendung. Im Sanatorium zu Pyrmont trifft man zunächst auf Stoffwechselkrankheiten, wie Fettsucht, Gicht, Gelenkleiden, Rheuma, Ischias, Leberleiden, Gallenblasenentzündungen und die Diabetis, Wenn sie noch nicht zu weit fortgeschritten ist. Aber auch Magen- und Darmkrankheiten (außer natürlich dem Krebs, bei dem man ebensowenig fasten darf wie bei der Tuberkulose), chronische Hautkrankheiten, wie Nesselsucht, Ekzeme und Furunkulose, und schließlich nervöse Störungen: Neurasthenie, Neurosen und Neuralgien (jedoch keine Hysterie, denn der Hysteriker ist nicht in der Lage zu fasten) trifft man an.

Das Sanatorium in Pyrmont kann etwa 130 Patienten aufnehmen. Ungefähr 20 v. H. von ihnen, so schätzen die Ärzte, lassen die Kuren nur über sich ergehen. Die große Mehrheit aber macht wirklich mit. „Sie gehen gesund – das heißt: mit einer ganz neuen Einstellung zum Leben – von hier fort, und wir sehen sie meistens nicht wieder.“ Der alte Dr. Buchinger lächelt: „Stellen Sie sich vor, zu den 20 v. H. gehörten im vorigen Jahr ein Schnapsfabrikant und der Besitzer einer Brauerei. Wenn die wirklich geheilt werden wollten, hätten sie sich einen anderen Beruf aussuchen müssen. ...“

Die längste Fastenzeit betrug in Pyrmont 42 und 48 Tage. Von hier aus hat das Fasten Schule gemacht. – In Tegernsee und Bad Harzburg sitzen Schüler Dr. Buchingers. In Berchtesgaden aber leitet ein Arzt ein Sanatorium, der die Fastenmethode wissenschaftlich untermauert hat, Professor Werner Zabel. Er hat sein Lehrbuch der Fastenkur dem alten Dr. Buchinger gewidmet. In ihm findet sich nicht mehr jener manchmal verwirrende Eklektizismus, der aus den Buchingerschen Schriften und Vorträgen sichtbar wird, dieses andauernde sich berufen auf Autoritäten wie Paracelsus, Goethe, Hölderlin, Rilke und die Bibel. Bei Zabel ist die Fastenkur in ihren Auswirkungen auf den menschlichen Organismus und den menschlichen Geist sachlich dargelegt.