Von unserem süddeutschen Korrespondenten Hubertus Prinz zu Löwenstein

München, im März

Der Himmel ist, wie es sich so gehört, bayerischblau. Aber das Weiß des bayerischen Wappenschildes wird dieses Mal nicht durch die sprichwörtlichen kleinen Wölkchen geliefert, sondern durch die breiten Bänder, die eine Staffel von fünfzig oder mehr Düsenflugzeugen von Horizont zu Horizont zieht. „An Krach machen’s aber heit“, bemerkt die Zeitungsfrau am Stachus zu einem GL, der sich eben für 14,50 DM mit jenen neudeutschen Bildermagazinen, Aktaufnahmen und ähnlichem eingedeckt hat, die er nur höchst heimlich und versteckt in sein Heimatland wird einführen können. „Dös kamma scho’ sagn“, erwidert er mit leicht Newyorker Akzent.

„Der is nämli’ scho’ zwoa Joahr hier“, erklärt mir die Zeitungsfrau mit berechtigtem Stolz auf die assimilierende Kraft ihrer Vaterstadt. *

Dem Bahnhof zu wandeln die letzten unentwegten Scharen von Skifahrern. Die Scharen derer, die ihnen entgegenkommen und die den Winter endgültig abgeschrieben haben, sind aber größer. Einige, die preußisch sprechen, haben sich sogar schon Lederhosen angezogen, aus denen die Knie etwas weißlich verfroren herausschauen. Dennoch ist kein Zweifel mehr möglich: Der Frühling ist gekommen. Und das ist sogar offiziell. Denn am Nockherberg bei München ist das erste Salvator-Bier ausgeschenkt worden, 40 000 Maß innerhalb der ersten zwei Tage, an 18 000 frühlingssinnige Bayern, unter Führung des Kul tusministers.

Aber damit kein falscher Eindruck entsteht: Auch sonst macht sich der Frühling bemerkbar. Kaum, daß der Frost aufgehört hat, erklingt in München wieder das Klimpern der Hämmer. So erstaunlich rasch hat sich hier der Wiederaufbau vollzogen, daß Ortsfremde von Halbjahr zu Halbjahr die Trümmerstadt von 1945/48 kaum wiedererkennen. Und zwar zeigt das, was geleistet wurde, Geschmack und Raumgefühl, ein von den Wittelsbachischen Städtebauern übernommenes Erbe.

Man weiß, daß auch die kleinen bayerischen Städtchen einst romanische, gotische und Barockkunstwerke geschaffen haben, die ihresgleichen suchen. Und die Hauptstadt, die – was wird man in Niedersachsen zu dieser Rückerinnerung sagen? – Heinrich der Löwe gegründet hat, war jahrhundertelang das Zentrum großangelegter europäischer Machtpläne. Holland, Brandenburg, der Rhein und Tirol lagen im bayerischen Herrschaftsgebiet, und noch im 19. Jahrhundert ist Weiß-Blau durch König Otto, den Sohn des Philhellenen Ludwig I., zur Fahne des befreiten Griechenlands geworden.