Der Marquis de Sade ist zwar nicht ganz schuldlos, aber doch durch eine gröbliche Mißdeutung seiner Geistesart dem Schicksal anheimgefallen, als Inbegriff perverser Quälsucht zu gelten, für deren Bezeichnung er sogar seinen Namen hergeben mußte. Aber Sade war kein Sadist. Er war nur ein Vorläufer der modernen Psychoanalyse, ein schonungsloser Sezierer der Menschennatur in allen ihren Untiefen, dazu ein Asozialer, ein gefürchteter Ironiker und unerschrockener Nihilist. Diese Eigenschaften wie ihre ungeschminkten Äußerungen haben ihn seinen Zeitgenossen verhaßt gemacht. Keines der drei Regime, die er erlebte: das Bourbonenreich, die Revolution und das Napoleonische Kaiserreich, konnte ihn ertragen. Und so hat er fast dreißig Jahre seines Lebens in den Kerkern verbracht. Erst in unserer Zeit hat man den wahren Marquis de Sade entdeckt und sein verzerrtes Bild wieder geglättet. Die Briefe an seine Frau, die Sade aus dem Gefängnis schrieb und die erst kürzlich wiederaufgefunden wurden, beweisen die Menschlichkeit und Generosität seiner Gesinnung. Wie großzügig der Marquis dachte, zeigt sein Verhalten während der Revolution, als er seine Schwiegermutter und Todfeindin, Madame de Montreuil, die ihn durch ihre Intrigen ins Gefängnis gebracht hatte, vor der Guillotine rettete. Der nachfolgende Brief stammt aus Charenton, einem Asyl für Geisteskranke, wo man ihn eingesperrt hatte und wo er, nach vorübergehender Befreiung, im Jaore 1814 gestorben ist.

den 27. Juli 1780

Nun wohl, meine Teuerste, Sie hüllen sich in Schweigen ... gut so – es ist wohl berechtigt, sich manchmal auf seinen Lorbeeren auszuruhen. Wie Sie wissen, tue ich desgleichen; aber der Unterschied zwischen uns beiden ist, daß ich nichts zu sagen habe und daß es demnach sehr unnütz ist, Ihnen zu schreiben – während Sie, wenn Sie wollten oder könnten, sehr viel zu sagen hätten ... Aber glauben Sie mir, meine Gefühle für Sie werden sich in keiner Weise ändern. Die Bürde des Hasses, an der ich trage, werde ich nicht teilen, denn ich hätte zu sehr Angst, daß sie sich dabei vermindern könnte. Ich möchte sie gerne ganz und gar für diejenige bewahren, die sie so sehr verdient hat –

Welcher Art auch die Freundlichkeiten und die charmanten Torturen, unter denen ich hier leide, sein mögen – sie untergraben meine Gesundheit. Es ist mir unmöglich, zu existieren, ohne frische Luft zu schöpfen – vor allem zu einer Jahreszeit wie der jetzigen. Ich kann weder schlafen noch essen. Wenn man mich schon daran hindert, frische Luft zu schöpfen, so sollte man mir wenigstens die Ruhe meiner Nächte gönnen. Aber indem man dafür sorgt, daß ich Tag für Tag unter schrecklichen Kopfschmerzen leide, indem man mir meinen Schlaf raubt, indem man mir keine frische Luft gönnt, läßt man mich alle Leiden zugleich erdulden. Schicken Sie mir doch wenigstens jenes Fläschchen Eau de Cologne, um das ich Sie seit langem bat: hätte ich es während dieser ganzen Zeit, wo die Nerven und der Kopf mich schmerzten, gehabt, es hätte mir manches ersparen können. Gestehen Sie, daß es ein etwas überflüssiger Scherz von Ihnen war, mir selbst diese kleine Erleichterung zu verweigern. Welche gute Lektion ist dies alles für mich! Und wie werde ich sie nützen! Denken Sie daran, daß ich mir lieber den Kopf an der Mauer zerschmettern würde, als daß ich darauf verzichtete, Ihre abscheuliche Frau Mutter eines Tages zu dem Ausspruch zu bewegen: „Er hatte recht; ich bereue, was ich getan habe. Mit einem solchen Kopf durfte man nicht so verfahren.“ Ich habe mich davon aberzeugt, wie sehr man nicht nur wünscht, daß ich leide, sondern wie sehr man enttäuscht wäre, wenn eine Krankheit all den Infamien, die man mir zufügt, ein vorzeitiges Ende setzen würde. Insgesamt siebzehn Nächte habe ich verbracht, ohne auch nur einen Augen-– blick – wie man so schön sagt – die Augenlider zu schließen. Ich kam mir vor wie ein lebendig Begrabener – und ich muß gestehen, daß ich sogar etwas Furcht vor mir selbst bekam. Der Arzt erscheint und fragt, wie es mir geht. „Mein Gesicht sagt es Ihnen besser, als ich es könnte“, antworte ich ihm. „Aber nein, aber nicht doch – ich finde, Sie sehen blendend aus“, meint er. Genug, um mich davon zu überzeugen, daß die Behandlung dieses Mannes natürlich keinerlei Ähnlichkeit mit der jenes Inquisitionschirurgen hat, der während der Tortur den Puls fühlt, um zu erfahren, ob man sie noch länger fortsetzen kann, und der ständig murmelt: „Noch ein wenig ... Noch ein wenig...“

Glauben Sie mir, alle diese niederträchtigen Leute haben das größte Interesse daran, unsereinem Schaden zuzufügen, und sie handeln auch danach. In einem Wort: die schrecklichen Mißbräuche, die täglich unter dem Deckmantel des hübschen Geheimnisses in diesen Häusern geschehen, sollten die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen erwecken – das heißt, wenn es noch eine Gerechtigkeit in Frankreich geben würde und wenn die Interessierten nicht selbst den größten Wert darauf legen würden, ihr Gewissen mit Gold und schönen Frauen zu ersticken.

Ich möchte, daß man nur einmal das Leben der unglücklichen Opfer, die man hier festhält, mit dem infamen Leben ihrer Wächter vergleicht ... Ich stecke bis zum Hals im Schmutz; Wanzen, Flöhen, Mäusen und Spinnen bin ich hilflos ausgeliefert, ich werde wie ein Schwein gefüttert. Die affektierte Schnelligkeit, mit der man sich schleunigst aus meinem Zimmer entfernt, sobald man mir meine Mahlzeiten hingestellt hat, läßt mir weder Zeit noch Ruhe, das zu verlangen, was ich brauche. All dies, ist es nicht charmant, ist es nicht Grund genug für ein deliziöses, rührendes, pathetisches Klagelied? Soll ich Ihnen noch schildern, welche Not ich habe, in diesem Dekor zu atmen? Ich will nicht über die Haare sprechen, die mir langsam ausfallen – diese Kleinigkeit berührt mich Gott sei Dank nicht sehr, denn wenn ich hier herauskomme, werde ich einfach eine Perücke tragen ... Und nicht wahr, meine Liebe, bin ich nicht schon in diesem gewissen Alter ... Keine Illusionen, ich habe mein viertes Jahrzehnt erreicht und ich hatte ja immer versprochen, zu dieser Zeit auf Satan und seine Feste zu verzichten ...

Es ist Zeit, allmählich damit zu beginnen, etwas „Leichenfarbe“ anzunehmen. Es gibt dann weniger Überraschungen und man ist vorbereitet. Möge der Tod nur kommen, möge er kommen, wann es ihm gefällt; ich warte auf ihn – ohne ihn herbeizusehnen; aber auch ohne ihn zu fürchten.