Die Senoritas hatten mir den Kopf verdreht, und mein Vorsatz, die maurische Baukunst zu studieren, hatte den Weg zur Hölle um einen weiteren Stein des Anstoßes vermehrt. Mein Portemonnaie war leer. Hungrig und müde schlich ich durch die Straßen Sevillas, und ich fühlte mich mitverantwortlich für die Wirtschaftskrise meines Gastlandes. Mir blieb nur noch der Ausweg, Hilfsarbeiter bei den Kloaken oder Streckenarbeiter in Andalusien zu werden. Aber weder meine Nase noch meine Muskeln eigneten sich für diese Berufe.

Ganz in diese Sanierungsspekulationen versunken, kam ich zu der großen Kirche. Ich blickte hinauf zum Turm. Er war sehr hoch. Ich hatte schon immer hinauf wollen, aber die Señoritas hatten mich nach unten gezogen. Ich ging durch das offene Portal in die Kirche hinein. Die Heiligen im Zwielicht sahen mich freundlich an. Ich beschloß, den Turm zu besteigen. Vielleicht würde mir hoch über meinen Gläubigern ein rettender Gedanke kommen.

Die Turmbesteigung kostete 50 Centimos, und ich hatte nicht einen einzigen. Zum Glück fand ich in meiner Hosentasche noch einige Zigaretten. Ich ging zum Kirchendiener, den ich von früheren Besuchen her kannte. Er war als junger Mensch von Schwaben nach Spanien gewandert. „Gottfried“, sagte ich, „ich möchte den Turm besteigen, habe aber kein Geld.“ Ich fürchtete, er würde Zigaretten als ein Sakrileg ablehnen. Aber da er nicht wußte, was ein Sakrileg war, nahm er sie an.

Ich öffnete die angelehnte Turmtür und stieg die steinerne Wendeltreppe hinauf. Gottfried rief mir noch irgend etwas nach, aber ich verstand ihn nicht. Es war sehr anstrengend, mit leerem Magen Spiral zu gehen. Aber hinter den dicken, Mauern fühlte ich mich vor meinen Gläubigern geborgen. Bei den Glocken rastete ich eine Weile. Schwer und behäbig hingen sie in ihrem Eichenstuhl. Lange stand ich unter diesen Glocken. Ich erlebte sogar, wie die schweren Klöppel gegen die Wände hämmerten und die Glocken sich vor Freude fast überschlugen. Ach ja, der Sonntag wurde eingeläutet.

Die Leitern wurden immer steiler und schmaler. Ich wagte nicht, durch die Bullaugen zu sehen, aus Angst, daß mich die Tiefe krallen würde. Als ich so stand und zauderte, hörte ich Geräusche von der Spitze. Ich wurde ärgerlich, und neugierig stieg ich weiter.

Ein Mann hantierte an einer schmalen Tür. Vielleicht muß er etwas an der Spitze reparieren. Als ich den kleinen Bodenraum unter der Turmspitze erreicht hatte, drehte er sich um. Er hatte traurige Augen und sah gar nicht wie ein Handwerker aus. Er deutete mit den Händen nach unten. Ich sollte den Turm verlassen. Ich dachte nicht daran. Schließlich hatte mich der Aufstieg drei Zigaretten gekostet!

„Aleman?“ fragte er dann – wohl wegen meiner blonden Haare. Ich nickte. Die nun folgende Unterhaltung vollzog sich in einem schauerlichen Kauderwelsch von Spanisch, Mönchslatein und Französisch. Der Spanier hatte sich beruhigt. Er bat mich nun in höflichen Worten, den Turm zu verlassen. „Es ist besser, wenn Sie gehen. Ich will gleich vom Turm springen. Das ist nichts für Sie.“ Er sagte das in einer ganz selbstverständlichen Weise.