Nach dem, was ein Berliner Bankier dem Chronisten jüngst von den Übergangsbestimmungen (fixiert von der für die unmittelbare Bösenaufsicht kompetenten Industrie- und Handelskammer e. V.) für das Wiederaufleben der alten Berliner Börse berichtete, scheint dabei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen zu sein. Jedenfalls will es dem „Verein zur Wahrung der Interessen des Berliner Privatbankiergewerbes e. V.“ (Vorstand: Bankiers Otto Kuhn, Dr. Sieber und Broechtel) nicht in den Kopf, daß laut § 1 die Börse zwar wieder- und nicht neueröffnet wird, die logischen Konsequenzen aus dieser Entscheidung jedoch ausbleiben.

Denn: „Einerseits dürfen die Inhaber oder gesetzlichen Vertreter von Banken und Kreditinstituten, die bis zum Mai 1945 als selbständige Börsenbesucher zugelassen waren, die wiederaufgelebte Börse nach Lösung einer Börsenkarte wohl besuchen, am Handel aber nicht teilnehmen, während andererseits die am 1. September 1951 zum „geregelten Freiverkehr“ Zugelassenen an derselben wiedereröffneten amtlichen Börse handeln können, zu der sie noch gar nicht zugelassen sind.“ Kurz: Die ruhenden Banken sind bei Wiederaufnahme des amtlichen Handels nicht dabei – obwohl die Ruheanordnung vom 5. Juni 1945 dem Vernehmen nach inzwischen ziemlich gegenstandslos geworden ist.

Immerhin ermächtigte doch die Alliierte Kommandantur die betroffenen Institute am 14. Juni 1949, ihre Außenstände einzuziehen, und die Uraltkonten-Vorschriften vom 23. Dezember 1949 übertrugen ihnen (unter Wegnahme ihrer Knditoren) die gesamte Arbeit der Anmeldungen und Bestätigungen der Guthaben. Um eine reibungslose Wertpapierbereinigung zu ermöglichen, mußte die Berliner Zentralbank die Depots verwaltenden ruhenden Banken gemäß § 14 Abs. 1 WGB ermächtigen, als Anmeldestellen tätig zu werden; und das Dividenden-Einzugsverfahren der Zentralbank bewirkt – schließlich, daß gegebenenfalls neue Kreditoren bei ruhenden Banken entstehen.

Folge: Die „Ruhenden“ führen die Anmeldung der Effekten zur Bereinigung durch und vervalten die zugeteilten Papiere, ohne Verkaufsaufträge von Kunden – auch wenn diese zur Abdeckung debitorischer Konten erforderlich sind – selber an der Börse realisieren zu dürfen. Wobei bemerkt sei, daß bisher schon die an der Freiverkehrsbörse (private Einrichtung des Verbandes des Berliner Bankgewerbes e. V. als Zusammenfassung der meisten nach 1949 zugelassenen Institute) gehandelten Zuteilungsrechte und Neugirosammelstücke nur aus Depots der Kundschaft der „Ruhenden“ stammen. Kommentar der Übergangenen: „Wenn wir die für die Wertpapierbereinigung hergegebenen eigenen Unterschriften nicht handeln können, sondern, zwecks Verwertung für unsere Kunden, an neue Bankfirmen abtreten müssen, so ist das eine bewußte Diskriminierung, eine Geschäftsschädigung.“

Andere Steine des Anstoßes: Es drohe die Gefahr, daß es auch bei Entscheidung über die Neuzulassungsanträge zur Börse wegen Zeitdrucks – ähnlich wie bei der Zulassung neuer Kreditinstitute 1949 – an Sorgfalt mangele. Musterbeispiel: Der „Fall Henschel“; und Henschel sei ausgerechnet von dem nun durch die Kammer zum Börsensyndikus (eine Novität) Bestellten als besonders geeignet empfohlen worden. Jener Syndikus, ein Rechtsanwalt und Notar, sei nebenher u. a. Vorsitzender des neuen Bankgewerbe-Verbandes, Geschäftsführer des Ausschusses der ruhenden Berliner Institute, Berater des Wechselstubenringes und eines Teils der „Ruhenden“ (besonders Großbanken), Aufsichtsratsmitglied bei der Berliner Handelsbank AG. (vom Freiverkehrsausschuß ganz zu schweigen). „Ob das ohne Interessenkonflikte abgehen kann?“

Dem vorläufigen Börsenvorstand gehört keiner der „Alten“ an; dafür seien „mindestens sechs Vorstandsmitglieder – einschließlich Börsenpräsident – bisher niemals selbständige Börsenbesucher und einige nie an einer amtlichen Börse tätig gewesen...“

Der Schaden der „Ruhenden“, die seit fast sieben Jahren nicht arbeiten dürfen, wächst unaufhörlich weiter. Verhindern alliierte Anordnungen den Handel dieser (etwa 20 in Frage kommenden) Institute an der Börse? Der eingangs zitierte Verein verweist auf die Genehmigung der Börsenwiedereröffnung durch den Senat „ohne Befragung der Alliierten“ und folgert daraus, daß der Senat auch bestimmen kann, wer am Handel teilnimmt. Die Geschädigten verlangen von ihm die unverzügliche Gewährung ihrer alten Rechte an der Börse, zu der sie „seit Jahrzehnten zugelassen sind“. H. B.