Von Hjalmar Schacht

Freimütige Äußerung war das, was die indonesische Regierung von Dr. Hjalmar Schacht erwartete, als sie ihn einlud, das Land zu besuchen und ein Gutachten über die wirtschaftlichen Möglichkeiten Indonesiens auszuarbeiten. „Ich darf nicht hoffen, allen politischen und psychologischen Faktoren dieses Landes gerecht werden zu können“, erwiderte Dr. Schacht. „Dennoch glaube ich, aus meiner deutschen Erfahrung heraus diesen oder jenen Hinweis geben zu können.“ Das Ziel der indonesischen Staatsführung ist, das Land nach dem Beispiel westlicher Technisierung zu entwickeln. „Möge es“, so betonte Dr. Schacht, „dabei seine Seele nicht verlieren!“

Menschen in Bewegung

Der Befreiungskampf in Indonesien hat, wie jede revolutionäre Bewegung, eine Masse Menschen in Bewegung gebracht. Sie haben ihren angestammten Wohnsitz verlassen. Die großen Städte übten ihre Anziehungskraft aus. Innerhalb weniger Jahre sind einzelne Städte auf das Doppelte und Dreifache ihrer früheren. Einwohnerzahl angewachsen. Das hat zu einem ungeheuren Wohnungsbedarf geführt. So steht Indonesien zum ersten Male vor dem Problem des großstädtischen Proletariats, das aller revolutionären und kommunistischen Propaganda ein williges Ohr leiht... Dabei wirkt sich als allergrößter Mangel der indonesischen Wirtschaft, die geringe Arbeitsleistung aus, insbesondere derjenigen, die nicht in der bäuerlichen Landwirtschaft tätig sind. Weder die Plantagenarbeiter noch die städtischen Arbeiter sollten denken, daß mit der Erlangung der politischen Freiheit die Notwendigkeit wirtschaftlicher Arbeit aufgehört hat. Wenn dieser Wahn nicht geheilt wird, so wird nicht nur die Freiheit, sondern auch der Staat selber wieder verlorengehen. Ein Volk, das seine naturgegebenen Reichtümer durch Trägheit ungenutzt läßt, wird in der heutigen Welt, die auf die Nutzung aller Bodenschätze für die menschliche Gemeinschaft ausgeht, keinen Verteidiger finden. Zur Sicherung der Arbeitsleistung bedarf es bei den Regierenden zweierlei: Gerechtigkeit und Autorität. Ein Vater, der seine Kinder, ein Lehrer, der seine Schüler, – ein Geistlicher, der seine Kirchengemeinde nicht zu Zucht und Fleiß anhält, sind nichts wert. Dies kann auch nicht immer nur mit freundlichen Redensarten geschehen, die Strafen dürfen nicht fehlen.

Indonesien braucht eine Arbeitsgesetzgebung, die nicht nur die Rechte, sondern auch die Pflichten des Arbeiters festlegt. Hier kann die deutsche Gewerbeaufsicht als Vorbild dienen. Die soziale Auffassung dieser Jahre ist auch nach 1945 weiterentwickelt worden. Die Grundgedanken der deutschen Sozialpolitik sind: Die Mitberatung und Mitbetätigung der Belegschaft eines Unternehmens in allen Fragen des Arbeitsraumes, der Hygiene, der Freizeitgestaltung, der Arbeitsmethoden, der Betriebsverbesserung, der Fachausbildung und so weiter. Wohlgemerkt: der „Belegschaft, nicht der Gewerkschaft! Die Belegschaft hat die Gemeinschaft mit dem Unternehmen im eigenen Betriebe zu pflegen, die Gewerkschaft aber muß sich auf allgemeine sozialpolitische Arbeit beschränken. Dem Unternehmer vorbehalten bleibt die technische, kommerzielle und finanzielle Führung des Unternehmens, jedoch wird von ihm erwartet, daß er seine Arbeiter über den allgemeinen Gang und Stand des Unternehmens jeweils unterrichtet hält.

Die schwierigste Frage in der’Arbeitsgesetzgebung ist die Festsetzung des Lohnes. Hier muß ein Grundsatz gelten, der das ganze wirtschaftliche Leben des Menschen durchzieht: der Erfolg muß dem Aufwand entsprechen. Man sät nicht zwei Pfund Körner aus, um eines zu ernten. Wenn die Leistung des Arbeiters nichts produziert, kann an den Arbeiter auch nichts ausgeschüttet werden. Der Lohn muß nach der Leistung des Arbeiters bemessen sein: ein Grundsatz, der nicht nur wirtschaftlich, sondern auch moralisch begründet ist. Der Fleißige darf nicht mit dem Faulen gleichgestellt werden, sonst verliert er die Lust an der Arbeit. Wo Leistungslöhne angebracht sind, müssen sie den Schutz des Gesetzes genießen. Hauptstreitpunkt zwischen Unternehmern und Arbeitern ist die Höhe des Lohnes. Die Entscheidung hierüber durch Streiks herbeizuführen, muß nach Möglichkeit vermieden werden. Streiks schädigen nicht nur die Wirtschaft des Landes, sondern verletzen auch die Interessen und die Lebensmöglichkeit Dritter, wie zum Beispiel bei Verkehrsunternehmungen, Kraft- und Lichtwerken, öffentlichen Verwaltungen. Bei solchen lebenswichtigen Betrieben müßten Streiks und Aussperrungen gesetzlich verboten sein.