Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, Mitte März

Ernst Lohagen, Landessekretär der Sozialistischen Einheitspartei im größten Land der Sowjetzone, in Sachsen, Mitglied des Politbüros der SED, Vorsitzender der „Nationalen Front“, muß alle Führungsämter verlassen und „Aufklärer“ sein: das heißt kleine und kleinste Kreise der Ostzonen-Bevölkerung davon überzeugen, daß die Politik der SED-Großkopfeten stets auf dem richtigen Wege sei. Ernst Lohagen ist von höchster Parteiwarte auf die unterste Stufe der Parteipropaganda strafversetzt. Er hat wider das aktuellste Dogma der SED verstoßen: das Dogma von der Selbstkritik. Nicht, daß er sie nicht auch an sich selbst geübt hätte: er hat aber dazu gesagt, man könne nicht dauernd seine Richtlinien und Meinungen umschalten, nur weil heute das und morgen etwas ganz anderes wichtig sei. Und so’sagte im großen Konzil des Zentralkomitees der SED ihr ideologisches Orakel Fred Oelssner: „Der Fall Lohagen ist der Fall einer Abweisung der Selbstkritik aus Eigenliebe, Eitelkeit und Überheblichkeit.“

Wenn man die Protokolle dieser dreitägigen Zentralkomiteeschlacht um die Selbstkritik in der SED liest, dann wird sich zweierlei feststellen lassen. Erstens: Weder vollzieht sich innerhalb der SED eine Revolution noch befindet sich – zweitens – die SED in einer Krise. Aber dies ist zu konstatieren: Die Staatspartei des Ostens wird mit der stummen Reserve der Bevölkerung gegenüber der östlichen Diktatur nicht fertig: sie findet zwischen der Notwendigkeit, Aggressionspartei nach Westen und Staatspartei im Osten zu sein, kein Verhältnis. Sie sieht die Angst, die die Bevölkerung kennzeichnet, in ihren eigenen Reihen eingenistet; sie weiß nie, wo die Ideologie und nie, wo die Praxis einen Wechsel der Gesinnung verlangt.

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Wenn diese Selbstkritik-Psychose eine Absicht hat, dann die: dem Westen auffällig zu imponieren: die Partei soll offensichtlich nicht als selbstherrliche, ex cathedra sprechende Organisation in Erscheinung treten, sondern als eine Organisation, die von der Bevölkerung selber unter Kontrolle genommen wird. Daß es faul steht in der Deutschen Demokratischen Republik – dieser Gesamteindruck soll mit dem neuen verwischt werden: Wir, die SED, haben jetzt die Gründe für diese Stimmungen gefunden, und indem wir uns selbst ein wenig ausrüffeln, haben wir auch schon das Rezept parat, euch endgültig das Paradies zu schenken.

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