Wien, im März

In dem 1924 entstandenen Stück „Herbert Engelmann“ stecken eigentlich drei: Als unbarmherziges Prisma zerlegt es den Fäulnisglanz über dem Deutschland knapp nach dem ersten Weltkrieg, es demonstriert darin ein Heimkehrerschicksal, weit eindringlicher als Tollers dem Woyzzeck nachempfundener „Hinkemann“ oder Möllers „Douaumont“, und es rollt eine Raskolnikowtragödie auf. Solche in der Gewichtsverteilung nicht stets konforme Dreiheit bewirkt seine dichterische Problematik, enthält aber auch seine durchschlagende Bühnenkraft, die freilich nicht nur allein Hauptmanns Verdienst ist, sondern besonders Zuckmayers. Denn erst Carl Zuckmayer, der als Dichter heute in Deutschland am stärksten zu Gerhart Hauptmanns Blutgruppe gehört, vermochte den Entwurf durch seinen Herzschlag zu beleben.

Der Titelheld kommt mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse aus dem ersten Weltkrieg in das kalte Licht der Niederlage, das über seiner Heimat und über der Tafelrunde einer beklemmend wirklich empfundenen Berliner Pension liegt, wo er neben Glücksrittern, Kokainisten, Schwarmgeistern und abgedankten Offizieren haust, die sich einem bereits gewitternden Umschwung zur Verfügung halten und indessen Dienst bei der Polizei tun. Sie wissen, weshalb sie den kriegsversehrten Engelmann ins Auge fassen, dem der Gewehrriemen früher am Herzen hing als eine Frau: ein tödlich verlaufener Überfall auf einen Geldbriefträger wird dem als Physiker vielverheißenden Heimkehrer angelastet, der mittlerweile in der Tochter der Pensionsleiterin die Gefährtin fürs Leben gefunden zu haben meint. Mangels Beweisen freigesprochen, erkennt er, daß selbst diejenigen, die ihn lieben, an seine Untat glauben – eine Untat, die er aus der Lebensmißachtung der Front gleichsam wie eine verspätete Kriegshandlung beging – und er wird sein eigener Richter. Daß Hauptmann seinen Helden den Krieg anklagen läßt, in dem jenes Verbrechen wurzelt, erklärt auch, wieso das Stück von ihm nicht zu Ende geführt wurde; nach 1933 wäre es in Deutschland nicht mehr möglich gewesen.

Eine vergleichende Buchausgabe (sie erscheint dieser Tage in der C. H. Beck’schen Verlagsbuchhandlung, München) wird Hauptmanns Torso und Zuckmayers Auffüllung nebeneinander zeigen. Ohne diese Gegenüberstellung noch studiert zu haben, muß man der Neudichtung zuerkennen, daß ihr Sprachgewand wie angewachsen sitzt; nicht in der Form einer äußeren Nachahmung Hauptmannschen Stils, sondern dank einer ehrfürchtigen und liebevollen Einpassung, die hinter die Sache, der sie dient, zurücktritt. Diese Feststellung bleibt das höchste Lob, das sich für eine derartige Arbeit vergeben läßt.

Der besessenen Regie Berthold Viertels gelang in Max Meineckes zeitgerechten Bühnenbildern eine meisterhafte Aufführung. O. W. Fischer, sonst durch das flache Durchschnittsrepertoire des Akademietheaters (des kleinen Hauses des Burgtheaters) in das Fach selbstgefälliger Schönlinge gepreßt, loderte in seinem Engelmann zu der hinreißenden Intensität eines großen Charakterdarstellen auf. Eva Zilchers, seiner Partnerin, grenzenlose Leidensbereitschaft erschütterte, und ein wahres Wunder an tragischer Lebensnähe gelang Hilde Wagener in der Figur der vergrämten Pensionsmutter. Aber auch die kleineren Rollen (Hennings verabschiedeter Offizier, der wurmstichige Beau Curd Jürgens und der düstere Dummkopf Heinz Moogs mit den geheimbündlerischen Allüren) machten die 1933 zur Macht kommenden Herren Deutschlands ahnen. Und zum Schlüsse sei als Dokumentation echtesten Künstlertums der mit Sonderbeifall belohnten Leistung der Maria Eis, einer der stärksten Kräfte der deutschen Bühne gedacht, die aus wenigen Sätzen einer winzigen Episodenrolle einen ganzen Menschen schuf, ebenso wie Elisabeth Ortner-Kallina als hysterische Adventistin und Hans Thimig als der von der Schuld seines Klienten durchdrungene Verteidiger. Franz Th. Csokor