Es handelte sich um eine gewaltige Demonstration der Gastronomie. Vier Hallen. Fünfhundert Aussteller. Schließlich der „Pavillon der Gastronomie“. In ihm wurde das Endprodukt jener Anstrengungen, die man in den vier Hallen der Hamburger „Hotel-, Gastwirts- und Konditorenmesse“ in ihren hunderttausend Vorstufen und Einzelheiten demonstrierte, seiner Bestimmung zugeführt: unserem guten Freund, dem Gaumen.

Hier stehe ich – denn „der schönste Ort ist immer an der Theke“ – und denke an Brillat-Savarin und seine „Definition der Gastronomie“. Dieser große Meister der Kochkunst schildert die Bedeutung der Gastronomie für das Gemeinschaftsleben und sogar für die Staatswirtschaft, der sie Quellen der Besteuerung biete. Wer dächte, wenn er grade bei Kasse und Laune ist, sich eine Scheibe Lachs grillieren zu lassen und eine Flasche Sekt zu trinken, auf den ersten Anhieb an den Staat?! Und doch ist dieses Argument bei Brillat-Savarin verzeichnet, der doch auf das Interesse des Gaumens und nicht auf das der Finanzämter aus ist. Man schaut das Argument befremdet an. Und doch liegt in ihm die sachliche und moralische Rechtfertigung des großen Aufwandes, der in dieser Ausstellung trotz der kurzen Weile von sechs Tagen aufgeboten wird.

In der Tat geraten dem Besucher beim ersten Durchwandern dieser Messe die Vorstellungen derart in Verwirrung, daß es ihm eher vorkommt, er sei auf einer Kirmes, um so mehr als die ausstellenden Schallplatten- und Schallband-Firmen unermüdlich hören lassen, was sie können. Beim näheren Studium erst erkennt der Betrachter, daß hier dem Auge sinnfällig gemacht wird, durch welche vielfältigen Wurzeln eine Gaststätte gespeist wird, die einem ein Mittagessen zu zwei oder drei Mark oder ein Kännchen Kaffee mit Jazzmusik bietet.

Ja, wenn die Musik nicht war? – Auf einem Stand unter einem Zeltdach sitzen fünf Männer und blasen Saxophon und Posaune, dazwischen singen sie auch. „Probespiel engagementsfreier Kapellen. Arbeitsamt Hamburg. Vermittlung hier.“ Und Männer stehen in der Runde, Fachleute – nicht der Musik, doch der Gastronomie. Sie horchen abwägend zu. Paßt es für... Soltau? ... Für Neumünster?... Für Itzehoe? ... Der Mann, der „vermittelt“, und mich anscheinend zu ihnen zählt, fragt mich: „Haben Sie eine Gaststätte?“ – „Leider einen weniger einträglichen Beruf“, anworte ich. Ob er fragen dürfe? „Gewiß, ich bin Schriftsteller.“ Bedenklich schiebt er die Unterlippe vor und sagt: „Allerdings.“ Der offizielle Lautsprecher: „Der kleine Junge Rolf Büx, sechs Jahre, hat seine Mutter verloren und kann abgeholt werden bei Stand 100.“

Die Stunden sind in den Nachmittag gestiegen. Die Menschen rudeln dichter zwischen den Ständen, schauen sich die Darbietungen eines Geschäfts mit Tischwäsche an, interessieren sich für ein neuartiges Filtrierpapier, blicken verträumt in den Schaum, den eine Badewanne schlägt. Doch keine Nixe entsteigt ihm, auf die der verträumte Blicke gewartet zu haben schien. Es ist hier kein Nutz-Schaum. Es bleibt Schau-Schaum. Und er muß sich die Konkurrenz! des Schaumgummis gefallen lassen, auf den man sich zum Plaudern setzen oder zum Schlafen legen kann, denn es ist ein neuartiger Polsterstoff.

Oder man neigt sich zu der „Paradies-Schaukel“ und wünscht sich sie auf seine Wiese. Man wünscht sich vielerlei, obwohl man kein Hotel, nicht einmal eine Eisdiele hat. Sonst würde man sich an dem Stand mit anstellen, an dem „Der große Schlag – das Eisbindemittel“ angepriesen wird. Aber manches ist völlig neu. Sie haben ein Küchenmesser erfunden und verkaufen es für billiges Geld, mit dem man siebenerlei ausführen kann, dick und dünn schneiden,’ krumm und grade, hobeln, bohren, stechen und hacken. Der offizielle Lautsprecher: „Das kleine Mädchen Christa Menge, sieben Jahre alt, hat seine Mutter verloren und kann abgeholt werden bei Stand 200.“

Drüben meldet sich „der gute Geschmack“ und zeigt eine Nachbildung des früheren Wehrmachtkanisters, aus dem man sich in ein Gläschen feinen „Herrenlikör“ eintanken kann. „Männerlikör“ wäre bäriger. Eine Pfanne aber mit gerilltem Boden, aus Kempten geschickt, Grillersatz, überzeugt mich. Überhaupt: Vieles Neue hat hier Erfolg. Der „Clou“ ist die Sammlung von Spielkarten, die bedeutendste, die besteht Dr. Jackstein hat sie zusammengetragen und sie befindet sich im Besitz der Bielefelder Spielkartenfabrik. Aber die Brüder vom grünen Tuch müßten rückwärts in die Kultur- und Kunstgeschichte schauen (es sind gar Stiche von Virgil Solis dabei), und so stellen sie sich lieber zur Leistungsschau unserer Konditoren an: da ist die Tier- und Pflanzenwelt auf vielfarbigem Zucker; man muß den Kopf in den Nacken legen, um mit den Augen den Gipfel des Monstre-Baumkuchens zu erreichen ... Wenn hier eine Mutter ihr Kind verlöre... es wäre naturgegeben. Aber sie hat es bei Stand 300 verloren... Der offizielle Lautsprecher: „Das kleine Mädchen Vilma Bencke, acht Jahre alt, hat seine Mutter verloren...“ Daß ununterbrochen Kinder ihre Mutter hier verlieren, ist gewiß ein Zeichen für die Dichte des Besuches. Aber haben denn all diese kleinen Mädchen hier auf ihre Mütter aufzupassen?

Die Fabrikanten der strahlenden, polierten Silberbergwerke der Schanktheken, der kühnen Bauwerke der Eisschränke, und auch die Vermittler zu all den klugen Erfindungen, die es der Hausfrau leichter, dem Unternehmer billiger machen, mögen mir nicht verübeln, dach ich hier vor einem unscheinbaren Stand, wie festgewurzelt stehnblieb. Nicht viel zu sehn! Eine Karte der fremden Weltteile, aber ein Duft hob sich aus dem Urwald und war mir, der keine Sorge darum zu tragen hatte, ob die Mixmaschine „Emma“ oder „Quick“ ratsamer sei, inhaltreicher als alles. Es war die Auslage einer Hamburger Firma, die Vanille importiert...